In dieser Woche beginnt der Verkauf von Windows XP. Drei Tage vor seinem 46. Geburtstag führt "Chefarchitekt" Bill Gates in New York in das neue System ein, begleitet von Madonna, deren Song Ray of Light Microsoft für 30 Millionen Dollar gekauft hat. Etwas bescheidener geht es in München zu, wo der Microsoft-Chef Steve Ballmer mit Ulla Kock am Brink und Lou Bega feiert.

Von Windows XP erhofft sich die malade Computerbranche Auftrieb, vor allem bei den europäischen Konsumenten. "Die Deutschen sind technikverliebt", sagt der Geschäftsführer vom Computerchipproduzenten Intel in Deutschland, Jürgen Thiel. Er ist davon überzeugt, dass das als einsteigerfreundlich gepriesene Betriebssystem das Weihnachtsgeschäft ankurbeln wird. Schon vor dem offiziellen Start verkauften große Ketten wie der Discounter Aldi ihre Computer mit dem neuen System. Die Frage ist, ob Windows XP auch erfahrene Nutzer zum Aufrüsten ihrer Geräte reizen kann. Die erwarten vor allem eines: mehr Stabilität, weniger Abstürze.

Oberfläche auch für Einsteiger

Genealogisch betrachtet, ist Windows XP eine Weiterentwicklung von Windows NT und Windows 2000, den Microsoft-Systemen, die als besonders stabil gelten.

Eine neue Oberfläche soll unbedarften Computernutzern den Einstieg erleichtern. Wer Windows XP auf vorhandenen Rechnern installiert, erfährt zunächst die Kosten der Stabilität: Das System spuckt nach eingehender Untersuchung des Rechners eine lange Liste der Programme und der Hardwarekomponenten aus, die nicht mehr laufen werden, für die neue Treiber notwendig sind oder die komplett neu installiert werden müssen. "Stabilität hat ihren Preis", heißt es dazu erklärend in der "Knowledge-Base" von Microsoft, in der "Legacy Notes" verwaltet werden. Mit "Legacy" sind die Altlasten gemeint, Programme und Hardware, die für ältere Windows-Versionen gedacht waren. Für sie kann Windows XP in besondere Kompatibilitätsmodi geschaltet werden, die den Rechner allerdings verlangsamen. Wie die Legacy auf Vordermann gebracht werden kann, ist nicht Sache von Microsoft. "Für weitere Informationen kontaktieren Sie Ihren Lieferanten", heißt es ohne Angabe einer Web-Adresse. Ansonsten läuft der Rechner mit XP tatsächlich rund.

Welche Rolle das Internet für Windows XP spielt, wird man erst in ein, zwei Jahren ermessen können, wenn das .Net-System von Microsoft fertig gestellt sein soll. Im Kern ist dies der Versuch, Microsoft als Internet-Firma neu zu erfinden. Schon heute ist Windows XP ohne Internet-Anschluss nicht zu gebrauchen. Es beginnt bei der Installation, in der man fünfmal dazu gedrängt wird, sich bei Passport anzumelden, einem Internet-Dienst von Microsoft, der Passwörter und Angaben zu Kredit- und Konteninformationen verwaltet. Zweimal schiebt sich eine Bitte um Einrichtung eines Kontos bei Microsofts Online-Dienst MSN in die Installation. Mindestens viermal meldet sich der Windows Messenger, über den sich der Anwender für den Internet-Schwatz zwischendurch bei Microsoft anmelden muss. Ist das System installiert, will es via Internet bei Microsoft registriert werden. Dieser Vorgang soll der Piraterie vorbeugen, führt aber geradewegs in die Demoskopie, Abteilung Big Brother: Werden wesentliche Teile am Computer ausgetauscht, muss die Registrierung erneuert werden. Welche Datenbestände Microsoft hier aufbaut, ist noch unklar.

Wer Hilfe bei der Arbeit mit Windows XP braucht, kann seinen PC unter "Bekannte auffordern" dem Internet öffnen, damit Dritte auf alle Dateien Zugriff haben. Werden Ordner wie "Eigene Bilder" oder "Eigene Musik" angeklickt, sind weitere Anmeldungen möglich. Der Menüpunkt "Eigene Abzüge bestellen" sucht Druckfirmen aus, zu denen die Bilder geschickt werden, "Musik online kaufen" verbindet den Hörer mit dem Händler CD-Now.