Er zerrt ein Paar alte Jeans und einen Pulli vom Kleiderhaufen. Sie stinken - wie die beiden Matratzen, die fleckigen Decken, der Berg alter Zeitungen, die Essensreste und Zigarettenkippen. Es ist eng in dem einzigen Zimmer der Wohnung, auch wegen des Geruchs. Manchmal, wenn Besucher kommen, entschuldigt Zottel sich, dass er im Müll wohnt. Er wollte schon lange mal aufräumen, aber abends ist er zu geschafft. Jetzt ist keine Zeit. Zottel muss nach Pankow, drei Stationen mit der S-Bahn, 20 Minuten, die viel länger sind. Er hat eine Schaltuhr im Kopf, die rast.

Eine ständige Bewegung ist in ihm, sie drängt in die Arme, in den Kopf. Sein Kiefer mahlt. Dauernd zupft er an sich herum. Zottel kann noch nicht reden, seine Augen finden kein Ziel. Irgendwie ist Zottel noch nicht ganz er selbst.

Zottel war mal auf Heroin. Er sagt, dass er clean ist, aber in ihm tickt noch Junkie-Zeit. Er braucht sein Methadon. In Pankow gibt ihm ein Arzt die Tagesdosis. Die Ersatzdroge sorgt dafür, dass die Rezeptoren nicht verrückt spielen im Kopf.

Oft ist trotzdem kein Platz für andere Gedanken. Zottel hat gehört, dass es jetzt einen Film gibt über sein Leben. Wenn er danach gefragt wird, huscht Stolz über sein blasses Gesicht, ist aber gleich wieder weg. Die Welt, in der Filme gemacht werden für Leute, die Samstagabend ins Kino gehen, ist zu weit entfernt.

Der Film heißt Engel & Joe, seit einer Woche ist er in den Kinos. Nur wenige wissen, dass es die Geschichte Zottels und seiner damaligen Freundin ist. Der stern hatte sie zuvor erzählt. Die Geschichte zweier Punkkinder, die von zu Hause abhauten und sich auf dem Berliner Alexanderplatz trafen, sie 15, er 17 Jahre alt. Sie nannte sich Hexe. Auf der Straße tragen sie alle neue Namen.

Der Film spielt in Köln, sonst stimmt fast alles. Dass Hexe und Zottel es nicht wirklich auf die Reihe kriegten mit ihrer Liebe. Dass Zottel in den Knast musste, weil er immer so schnell zuschlug. Dass sie das Kind eines anderen bekam, Zottel sich aber wie der Vater fühlte. Dass Hexe am Ende ausriss aus einem Heim und das Kind zurückließ, denn sie wollte bei Zottel sein. Immer war Streit. Mal waren sie zusammen, mal nicht. Der Film verschweigt, dass auch Hexe Heroin nahm. Dass beide abglitten ins Rauschgiftmilieu am Bahnhof Zoo.

Zottel sagt, es falle ihm schwer, über Hexe zu reden, seit sie tot ist.

Am Schluss des Films fahren der Junge und das Mädchen mit dem Kind in die Berge. Sie sitzen im Zug, die Sonne geht auf. Vielleicht wird ja alles gut. Davon hat auch Zottel geträumt. Er wundert sich, dass immer alles schief läuft in seinem Leben.

Abends hockt ein Mädchen neben seiner Matratze, liest Comics. Sie sagt kein Wort. Ein Mann mit fettigen, langen Haaren sieht schweigend fern. In einer Schachtel liegen Einwegspritzen. Zottel hat den ganzen Tag Obdachlosenzeitungen verkauft in der U-Bahn, 1,50 Mark bleiben ihm pro Stück. Die Miete bezahlt das Sozialamt.

Das hier ist die Fortsetzung des Films.

Zottel hat kaum Ähnlichkeit mit dem Jungen, der er mal war. Seine Haut ist wie Wachs. Er trägt einen schütteren Bart, die fransigen Haare stopft er unter eine Baseballmütze. Er hat keinen Irokesenschnitt mehr. So nett ausgesehen wie der Schauspieler mit den blonden Strubbelhaaren hat er nie.

Er hält die Augen fest geschlossen. Die Finger zappeln über sein Gesicht. Es ist schwierig für ihn, sich zu erinnern. In Junkie-Zeit ist alles Gegenwart, Vergangenheit ist nichts.

Wenn die Zeit rast, denkt man auch öfters an den eigenen Tod.

Er hat damals gleich wieder Mist gemacht, nachdem Hexe aus dem Heim kam. Dabei wollten sie beide in die Therapie, um loszukommen von den Drogen. Zottel brach die Entgiftung nach drei Tagen ab. Er raubte Leute auf der Straße aus, kam zwei Jahre in den Knast.

Hexe trennte sich von ihm am Telefon, drei Jahre waren sie zusammen gewesen. Er sah Hexe später noch mal an der Kurfürstenstraße, auf dem Babystrich, wo fast jedes Mädchen vom Zoo irgendwann landet. Er hätte Hexe gern zurückgehabt, sie wollte nicht. Danach verschwand sie. Es hieß, sie sei mit einem ganz normalen Mann zusammen. Er dachte, sie hätte es geschafft. Es war ein Schlag, als sie im Sommer an einer Überdosis starb.

An welchem Tag, in welchem Monat das war, hat Zottel vergessen. Er war zu fertig. Es passiert so viel Schlimmes, für das er gar nichts kann.

Zottel hat offenbar wieder eine Beziehungskrise.

Hexes Mutter glaubt, dass Zottel schuld ist an allem. Aber sie sucht auch Schuld bei sich. Vielleicht hätte sie Hexe nicht so vieles erlauben sollen. Vielleicht hätte Hexe nur Ordnung gebraucht. Sie hat ja auch nie ihr Zimmer aufgeräumt.

Ihre Mutter ist eine blonde Frau mit großer, goldgefasster Brille. Sie redet gern über Hexe. Sie hat ja nichts zu verbergen. Sie weint sehr schnell.

Auf den Fotos sieht Hexe jung und pausbäckig aus, noch jünger als das Mädchen im Film.

Zuletzt wohnte sie eine Straße weiter. Die Mutter gab ihr Geld, brachte Lebensmittel. Ihre Tür war immer offen, sagt sie. Es klingt, als hätte sie am Ende doch noch etwas gutmachen wollen.

Mit 15 wollte Hexe weg von hier. Die Mutter hatte Zottel verboten, dass er herkommt. Schlechter Einfluss, das hatte sie gleich gemerkt. Aber Hexe wollte bei Zottel sein. Das Jugendamt besorgte einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft, später in Mutter-Kind-Heimen. Zottel war ständig da. Er randalierte, bedrohte Betreuerinnen. Dass Hexe Drogen nahm, merkte der Stiefvater als Erster. "Guck ihr mal in die Pupillen", sagte er.

Die Mutter sagt: "Richtig schlimm wurde es, als das Kind wegkam."

Für den Mann vom Jugendamt ist Hexe bis heute ein Problem. Sie war sein erster Fall, als er anfing im Job. Er mochte sie, er weiß nicht genau, warum. Sie hatte ein so offenes Lachen.

Vier Jahre lang hat er versucht, ihr zu helfen. Er war richtig deprimiert nach ihrem Tod.

Mit Hexes Zustimmung suchte er eine Pflegefamilie für den Sohn. Er sah, wie eine Drogentherapie scheiterte, Hexe wieder abrutschte. Sie kam in Minirock und zerrissenem T-Shirt in sein kahles Büro, auf dem Weg zum Straßenstrich.

Er sagt: "Wegen Zottel war alles so schwierig. Er war zu sehr in der Szene drin."

Er freut sich, als Hexe mit einem neuen Freund zusammenzieht, ein ruhiger Junge, das Gegenteil von Zottel. Hexe nimmt Methadon. Sie will ihr Kind. Bisher sieht sie es nur am Wochenende.

Ein Gutachten wird erstellt, Gespräche werden geführt. Das dauert ein Dreivierteljahr. Hexe sitzt meistens zu Hause. Sie backt Kuchen, bastelt Bilder, die man als Schmuck ins Fenster hängen kann. Sie lebt mit ihrem Freund, zwei Hasen, einer Katze und einem Bernhardiner. Sie sieht nicht mehr aus wie ein Punkmädchen. Sie trägt sogar Kleider.

Sie wird zu den Dreharbeiten von Engel & Joe eingeladen. Zu gern würde sie eine kleine Rolle spielen. Vielleicht eine Sozialarbeiterin, das wäre lustig. Sie trifft den männlichen Hauptdarsteller Robert Stadlober und wundert sich: "Du bist wirklich ein Teeniestar?" Die Leute vom Film finden die Idee mit der Rolle doch nicht so gut.

In Berlin sind alle Helfer überzeugt, dass es diesmal klappen wird. Hexe ist seit einem Jahr drogenfrei. Sie lebt in einer stabilen Beziehung. Ein Familienhelfer wird jeden Tag nach dem Rechten sehen. Doch nach zwei Wochen bringt der Freund das Kind zurück. Das Paar hat sich getrennt. Hexe ist wieder am Alex. Drei Wochen später ist sie tot.

Die Mutter sagt: "Sie war viel zu lebenslustig."

Der Mann vom Jugendamt weiß nicht mehr, was er sagen soll.

Einer war dabei in Hexes letzter Nacht. Er wünscht sich, er wäre woanders gewesen.

Bevor er reden kann, braucht er seinen Morgenschuss. Es ist Mittag, Daniel * liegt im Bett und sucht lange nach einer Vene. Neben ihm liegt Anna*, die Zottels Freundin ist. In Annas Wohnung häuft sich fast so viel Müll wie bei Zottel. Aber es gibt ein richtiges Bett, zwei Sessel und ein selbst gemaltes Bild an der Wand. Und drei Hunde. Jeder Punk vom Alexanderplatz hat einen Hund. Es ist fast gemütlich.

Daniel und Anna albern herum. Wenn Daniel lacht, fällt ihm eine Locke in die Augen. Dann sieht er aus wie ein Kind. Er ist 17, sie 16. Zottel hat sich wieder mal danebenbenommen gestern. "Mit Zottel kann man nur streiten", sagt Anna. Deshalb ist sie mit ihrem Exfreund Daniel abgehauen.

Wie lange sie schon Heroin nehmen?

"Jetzt wieder seit einem Jahr."

"Seit zwei", sagt er.

"Ach, echt?"

Er hat mit 13 angefangen, sie mit 12.

Sie kannten Hexe seit fünf Jahren. Drei Wochen vor ihrem Tod treffen sie sie auf dem Alex. Es gibt eine große Begrüßung, Hexe war lange nicht da. Als Anna merkt, dass Hexe drückt, heult sie. Hexe sagt: "Du bist erst 16. Was weißt denn du?" Der Sohn läuft ohne Schuhe herum und geht schnorren wie ein Punk.

Auch der Mann vom Jugendamt trifft Hexe noch einmal, er besucht sie zu Hause. Die Wohnung ist verwahrlost, voller Hundehaare. Der Sohn ist übernächtigt und verstört.

An ihrem letzten Abend haben Daniel und Hexe Streit. Sie sei schlecht drauf gewesen, habe ihn um Drogen angebettelt, sagt er. Er habe ihr keine gegeben. Früh um fünf gehen sie ins Bett. Sie sind eigentlich kein Paar, sie holen sich Wärme, wo sie sie kriegen. Als Daniel am Nachmittag aufwacht, findet er Hexe auf dem Fußboden. Sie ist im Schneidersitz vornübergefallen. Sie sieht aus, als würde sie beten. Er legt sie aufs Bett. Er hat nicht gewollt, dass sie sein Heroin spritzt. Der Notarzt kann sie nicht retten. Es ist der 4. Juli um 17.30 Uhr, als Hexe stirbt. Sie ist 20 Jahre alt.

Die Zeit steht still.

Dann rast sie weiter.

Daniel und Anna gehen zur Beerdigung, wie alle Freunde vom Alex. Für Anna ist es das achte Mal, dass ein Freund an einer Überdosis stirbt. Daniel wird als Mörder beschimpft, weil Hexe seine Drogen genommen hat. Später stellt sich heraus: Einige Einstiche an ihren Armen sind Wochen alt.

Die Mutter fragt sich, was sie falsch gemacht hat. "Du warst zu nachgiebig", sagen Freunde.

Sie hebt ihre Brille hoch, wischt die Tränen weg.

Hexes Sohn lebt in einem Heim bei Bielefeld. Er ist gerade vier Jahre alt geworden. Die Oma hat ihn noch nicht besuchen dürfen. Wer der Vater ist, wurde nie festgestellt. "Zum Glück", sagt der Mann vom Jugendamt.

Zottel hat sich um den Jungen, den er für seinen Sohn hielt, nicht mehr gekümmert. Er macht jetzt ein Praktikum in einem Drogenbus, wo Junkies ihre Spritzen eintauschen. Einmal die Woche geht er hin. Am schwierigsten ist es für ihn, nicht zu spät zu kommen.

Die Betreuer der Drogenhilfe sagen, auf Methadon umzusteigen sei für einen Junkie ein großer Schritt, selbst wenn er noch ab und zu Heroin nehme.

Daniel und Anna finden keine Zeit, über Hexes Tod nachzudenken. Ihre Zeit rast, wie die Zottels. Nur wenn sie sich einen Druck gesetzt haben, fließt sie langsamer. Ihr Leben ist "schnorren, Druck besorgen, Druck wegmachen". Ein Kügelchen Heroin kostet 20 Mark und hält ein paar Stunden. Sie brauchen auch etwas für den nächsten Tag. Sonst kommen sie nicht aus dem Bett.

Zottel sagt: "Eigentlich geht es mir gut. Ich habe nur ein paar private Probleme."

Ein Freund hatte erzählt, er habe Daniel und Anna gesehen, Hand in Hand. Als Anna vorbeikam, stritt der Freund es ab. Zottel holte schon aus, um ihn zu schlagen, aber Daniel hielt ihn von hinten fest. Dann hauten Daniel und Anna zusammen ab. Seitdem hat er Anna nicht gesehen.

Er sagt, er wolle sich keine Beziehung mehr versauen.

Zottel sieht wirklich traurig aus.

Den Brief vom Gericht macht er vielleicht nächste Woche auf.