Irgendetwas passt nicht zusammen: Aktien und Staatsanleihen steigen seit Wochen parallel. Entweder irrt der Aktienmarkt, der auf eine rasche konjunkturelle Erholung setzt - oder aber der Rentenmarkt. Die steigenden Kurse von Bundesanleihen und anderen erstklassigen Schuldtiteln werden nämlich von der Sorge um Rezession und Deflation getrieben. Die Inhaber solcher Papiere profitieren vom Konjunktureinbruch, der die Inflationsraten drückt, und von den massiven Zinssenkungen der Notenbanken. Nun aber zeichnen sich Tendenzen ab, nach denen der beeindruckenden Talfahrt der Zinsen schon bald der Garaus gemacht werden könnte - und das wäre schlecht für die Anleihen.

Neunmal schon hat die US-Notenbank im Jahresverlauf ihre Zinsen gesenkt, von 6,5 auf 2,5 Prozent. Die Europäische Notenbank und andere Zentralbanken zogen nach - wenn auch nicht im gleichen Ausmaß. Die rückläufige Inflationsrate verstärkt weltweit den Abwärtstrend der Renditen, weil die Anleger einen geringeren Inflationsausgleich fordern. Aus Angst vor weiteren Kursverlusten flohen die Anleger in den vergangenen Monaten aus riskanten Aktien und retten sich in den sicheren Hafen der Staatsanleihen. Der Schock der Terroranschläge vom 11. September, die Risiken des militärischen Gegenschlags und die Furcht vor Milzbrandattacken verstärkten die Attraktivität der Anleihen. Rezession und die Angst vor dem Terror spiegeln sich jetzt in sehr niedrigen Zinsen wider.

Allerdings dürften die Wirtschaftspolitiker dem nicht tatenlos zusehen. Im Gegenteil: Weltweit wird über Steuersenkungen und höhere Staatsausgaben versucht, die drohende Rezession abzuwenden oder milde ausfallen zu lassen. Darin liegt ein Potenzial, das sich global zu einem massiven Konjunkturprogramm bündeln könnte. Bislang hat die expansive Geldpolitik zwar noch keine spürbare Wirkung gezeigt. Alfred Broaddus, Chef der Federal Reserve Bank von Richmond - einer Filiale der US-Notenbank -, glaubt allerdings zu erkennen, dass zumindest die ersten Zinsschritte der US-Notenbank von Anfang Januar zu greifen beginnen. Immerhin konnten, so Broaddus, die US-Autobauer den Einbruch ihrer Absatzzahlen abfangen, weil sie potenzielle Käufer mit unverzinslichen Autokrediten ködern.

Unterstützt wird die expansive Geldpolitik durch die Fiskalpolitik. Vor allem die USA wollen den Absturz der Wirtschaft mittels Steuersenkungen und enormer Staatsausgaben auffangen. Nach einem geplanten Haushaltsüberschuss von 121 Milliarden Dollar in diesem Jahr werden die USA im kommenden Jahr ein Defizit von 35 Milliarden Dollar erzielen, schätzt die Investmentbank Merrill Lynch.

Während Bundeskanzler Schröder noch ein Konjunkturprogramm ablehnt, hat Frankreich schon ein milliardenschweres Programm aufgelegt, um den schwer getroffenen Branchen Luftfahrt, Versicherungen und Tourismus wieder auf die Beine zu helfen. Auch andere Staaten greifen den angeschlagenen Branchen finanziell unter die Arme - zulasten ihrer Staatskassen. Allein "die Aussicht auf einen starken Anstieg des Staatsdefizits kann die Zinsen steigen lassen", stellt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs fest (ZEIT Nr. 43/01, S. 24). Der amerikanische Staat beispielsweise wird nicht wie geplant weitere Anleihen zurückkaufen, sondern stattdessen Kredite aufnehmen und neue Anleihen begeben. Wenn die Konjunktur wieder anspringt, kommt die Kreditnachfrage der Unternehmen hinzu - und verstärkt den Aufwärtstrend der Zinsen.

In die gleiche Richtung wirken die kräftigen Rüstungsausgaben der USA, Großbritanniens und anderer Staaten. Niemand weiß, wie lange der Feldzug gegen den Terrorismus dauern und wie viel er kosten wird. "Wenn die ganze Welt die Rüstungsausgaben hochfährt, ist das der Tod für niedrige Zinsen", sagt Dirk Schmidt von Hornblower Fischer. Hinzu kommen die aufwändigen Sicherheitsmaßnahmen, die weltweit notwendig werden. Es werden nicht nur Arbeitsplätze für Sheriffs in den Flugzeugen und andere Sicherheitskräfte geschaffen, der Bedarf an mehr Sicherheit kurbelt auch umfangreiche technologische Investitionen an. Auch der Rohölpreis, wegen der Rezession auf ein Tief von 19 Dollar gefallen, wirkt wie ein Konjunkturprogramm. Niedrige Spritpreise und Energiekosten entlasten die Verbraucher und schaffen Spielräume für andere Ausgaben.

Furcht vor dem Wachstum