Hatte Berlin überhaupt eine Alternative? Obwohl die SPD-Führung um Klaus Wowereit und Peter Strieder Herz für Rot-Rot zeigte, versucht sie jetzt das Spiel mit der Ampelkoalition. Gerhard Schröders deutliche Warnung an die Berliner war dafür wohl mit ausschlaggebend. In einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Monde sagte der Kanzler: Er habe abgeraten, "bei der Senatsbildung in Berlin jene Partei (die PDS) in eine Koalition aufzunehmen".

Damit setzt Schröder seine klare Interventionsstrategie fort. Schon am Dienstag nach Pfingsten hatte er dem Bruch der Großen Koalition nur unter dem Vorbehalt zugestimmt, dass die SPD auch mit einer wieder ins Parlament zurückkehrenden FDP verhandle. Nach der Berlin-Wahl drohte er intern mit der Peitsche der Bundeszuschüsse. Zwar kann er die Peitsche knallen lassen, offen abstrafen kann er nicht. Aber auch ein Verhandlungsführer Klaus Wowereit muss es sich reiflich überlegen, ob er das Spiel des Reinhard Höppner aus Sachsen-Anhalt wiederholt und die Ampeloption scheitern lässt. Das würde die chronisch schlechte Verhandlungsposition von Berlin im Bund nicht verbessern.

Natürlich kann man fragen: Was ist das denn für eine Alternative zwischen einer umstrittenen PDS-Koalition und einer Ampel voller Kinderkrankheiten? Soll dazwischen die Zukunft Berlins entschieden werden? Der berühmte Satz von Karl Scheffler aus dem Jahre 1910 schwebt noch immer über der Spree: Berlin sei "dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein". Im Jahre 2001 gilt die weitaus schärfere Version: Berlin ist dazu verdammt, alles zu werden, weil so, wie es ist, es nicht länger sein kann. Eine Wendesituation, eine Zäsur, mit einem Ineinander von Anfängen und Endzuständen kennzeichnet die Lage. Die strukturelle linke Mehrheit, die mit Rot-Rot auf der Regierungsbank säße, gehört jetzt eher zur Vergangenheit. Das heißt aber nicht, dass in der Ampelkoalition automatisch die Zukunft steckt. Überhaupt blieben Ideen über die Zukunft der Stadt in dem Spiel um eine Zwei- oder Sechsstimmenmehrheit außen vor. Das alte Bild: Berliner Rathauspolitik vor einer hoch dramatischen politischen Kulisse. Bei den schwierigen Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, FDP und Grünen kann jedoch nicht nur der kleinste Nenner zwischen den Parteien gesucht werden. Es geht um den Nenner zwischen Politik und Stadt.

So viel ist klar: Der Status quo hat keine Zukunft; Berlins Rolle als Hauptstadt gegen-über dem föderalistischen Selbstverständnis ist ungeklärt. Sie schreckt doppelt ab und evoziert latente Feindseligkeit bei den Bundesländern: Denn Berlin ist einerseits Sozialfall und chronischer Bittsteller, andererseits ein Zentrum von gefährlicher Attraktivität gegenüber den Landeshauptstädten. Gregor Gysi war bislang der Einzige, der da Klartext redete und die Hauptstadtrolle thematisierte. Aber gerade ein Gysi als Wortführer der Hauptstadtvision wäre der schlechteste Anwalt gewesen.

Weiterhin: Berlin an der Peripherie hat geopolitische Nachteile und immer noch nicht die Verkehrsverbindungen der Weimarer Zeit. Berlin müsste zumindest da mit der Rhein-Ruhr-Schiene gleichziehen, um als Wirtschaftsstandort eine Chance zu haben. Kann eine Ampelkoalition dafür die Kraft aufbringen? Kann sie diese Strukturaufgabe auf die nationale Agenda zwingen? Im Handelsaustausch mit Polen sind inzwischen die Bundesländer Sachsen und Brandenburg davongezogen. Berlins Imperativ lautet: eine Ansiedlungsoffensive oder den "roten Teppich für Investoren"(Wowereit). Nur: Investoren verlangen im Standortwettbewerb finanzielle Vorleistungen. Aber woher nehmen? Der öffentliche Dienst verzehrt fast die 16 Milliarden Mark an Steuereinnahmen - auch ein Aspekt der Schuldenfalle. Bund und Länder werden Berlin niemals Geld zustecken, damit es Investoren abwirbt. Für Ansiedlungen müssen neue Prioritäten gesetzt werden - auf Kosten des Sozialhaushalts. Eine PDS, Arm in Arm mit den Gewerkschaften, wird da ihr Thema, ihr ceterum censeo finden.

Das rot-grüne Interregnum war zwar angetreten, endlich den großen Kassensturz zu machen. Die Finanzsenatorin Christiane Krajewski zuckte zurück und beließ es bei einer Verschuldung von 78 Milliarden Mark, um nicht noch den politischen Fatalismus zu nähren. Die teilungsbedingten Folgekosten der Eigenbetriebe und des staatlichen Wohnungsbaus wurden noch gar nicht mitgerechnet. Intern spricht man von 120 bis 150 Milliarden Mark Schulden. Jetzt schon frisst der Schuldendienst 20 Prozent des Steueraufkommens. Der Landesrechnungshof zweifelt, ob der Senat "sich aus eigener Kraft befreien" könne, und sieht "objektive Voraussetzungen für eine extreme Haushaltsnotlage".

Ein Endzustand also. Doch dem stehen auch Chancen gegenüber. Unübersehbar leuchtet der Silberstreifen der Zukunft: die wachsende Attraktivität der Metropole mit fast einer Million Neuberlinern; der Magnetismus des Anfangs, der Start als Zentrum der Mode, des Films, des Lebensstils, als Ort der Wissenschaften und Gründerzentren.