Am liebsten soll jetzt Schluss sein mit all dem Fernsehgetalke, mit der geschmacksverirrten Selbstdarstellung von Politikern, mit dem Pop und auch dem multikulturellen Verstehensgetue. Der 11. September, fordern manche, möge ein Ende markieren: Von nun an triumphiere der Ernst über die Belanglosigkeit, das Pathos über die Ironie, die harte Realität über das lose Getue um mögliche, aber gottlob nicht wirkliche Welten. Man müsste wohl von einem Paradigmenwechsel in der Kultur reden. Das ist ein schweres Wort, aber die Klimaveränderungen im räsonierenden Gewerbe vollziehen sich nun einmal nicht ohne begriffliches Geschwurbel.

Wenn das stimmt, gilt auch das Folgende: Unter der spaßhaft entfremdeten schlummerte in Wahrheit lange schon die wahre Kultur. Eine Zeit lang haben wir unter einem selbst gewählten Schleier des Unernstes gelesen, geschrieben, gesehen, gedacht, aber jetzt ist Gelegenheit, den Kern der Kultur wieder freizulegen. Das ist eine Position, die im Augenblick Zulauf hat, nicht nur im Literaturteil der Frankfurter Allgemeinen, auch im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Dem neuen Ernst folgt die Hoffnung auf einen Austausch, der strenger und verbindlicher wäre als debattierendes Geplänkel.

Es wäre der Traum von einer neuen Intensität der Gemeinschaft, jenseits zerstreuter Öffentlichkeiten und unverbindlicher Meinungsäußerung. Eine solche Intensität würde den gesamten Menschen erfassen. So bekennt der Schriftsteller Georg Klein in einem Beitrag für das Internet-Kulturmagazin Perlentaucher: "Ja, ich bin hinter dem Persönlichen her. Bei einem Thema, das sich bestens dazu eignet, von Medialität, von Öffentlichkeiten und von Diskursen zu sprechen, also dazu, Hals über Kopf ins Kühl-Allgemeine zu flüchten, suche ich die fragwürdige Wärme der einzelnen Leiber."

Das ist vielleicht eine etwas schwitzige Übertreibung, aber die distanzierte Vernünftigkeit, die einst die Habermassche oder die Luhmannsche Auffassung von Öffentlichkeit prägte, ist hier verabschiedet. Wenn Kultur kein anonymes mediales Geschehen mehr ist, sondern persönliche Begegnung, dann geht es auch wieder um etwas in der Kultur; denn dass überhaupt eine Öffentlichkeit da ist, die sich über Kultur und Moral austauscht, ist in dieser Perspektive keineswegs genug. Kultur müsse wieder mit "Leben" erfüllt werden, und weil viele vom Lachen genug haben, stehen nun Würde und Pathos höher im Kurs.

Das ist zunächst auch nichts anderes als eine feuilletonistische Fantasie, was Georg Klein und andere Kulturexistenzialisten sich da vorstellen. Die Sehnsucht nach Kuschelwärme und schweren Themen kann nicht davon ablenken, dass die bemerkenswerten Persönlichkeiten, die sich da zu neuen Kulturgemeinschaften zusammenbinden, ihrerseits die Hervorbringungen unhintergehbarer kultureller Individualisierungen sind.

Auf die Annehmlichkeiten der ironischen, säkularisierenden, im Sauseschritt historisierenden und hehre Dinge immer wieder relativierenden Kultur, wie sie vor dem 11. September war und noch immer ist, möchte ja im Ernst keiner verzichten. Vor allem nicht darauf, dass sie plural ist und freiheitlich. Was in ihr auch für kollektive Schockwellen verarbeitet werden, immer eröffnet sie nach einer Frist der Aufregung die Rückzugsmöglichkeit ins Private. Sie geht in keiner zwingenden Allgemeinheit auf, schon gar nicht in derjenigen des Staates. Deswegen lässt Kultur sich auch ganz schlecht zum Zweck politischer Aus- und Abgrenzungen mobilisieren. Wenn der Innenminister in der Märkischen Allgemeinen fragt: "Vielleicht hat unsere Gesellschaft nicht immer die geistige Widerstands- und Offensivkraft, die in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus notwendig wäre", so löst er damit bei Martin Walser ein spontanes "Distanzgefühl" aus. Walser sorgt sich instinktiv um die Unbestechlichkeit der eigenen Position. Vielleicht möchte er sich auf andere Weise mit dem Terrorismus auseinander setzen als der Minister, vielleicht auch gar nicht. Wer vereinnahmt zu werden droht, flieht den Schwitzkasten einer funktionalisierten Kultur so schnell er kann.

Melodien des Selbsthasses