Der alte Zenmeister an den ReZensenten: Um ein Buch zu verstehen, lies es zehn Jahre lang. Werde selber zum Buch. Dann vergiss alles, was Buch heißt, wenn du schreibst!

So spricht der Chinese. Ein sehr alter Chinese, zugegeben. Genau genommen spricht er vom Bambus, nicht von Büchern. Aber was macht das für einen Unterschied. Bambus oder Buch. Ein Büschel Gras oder Peter Handke. Beide lernst du nicht aus.

Nun sind wir leider nicht im alten China. Wir sind im späten Abendland. Unsere Zeit ist bemessen. Die Tage gezählt. Respekt vor Buch und Bambus kann man sich abschminken. Hat jemand noch was zu sagen?, brüllen die Verleger. Dann aber schnell. Im alten China hätten sie zehn Jahre lang nur ein Buch herausgebracht. Heute werfen sie zehn pro Stunde.

Die Feuilletons stapeln sich zu Hochhäusern. Auf den Redaktionstischen dampfen die Misthaufen der Herbstbücher zum Himmel. Die Redakteurin lässt ihre neunschwänzige Peitsche über die Rücken der Rezensenten knallen, die auf allen vieren ihre Zuteilung erwarten. Schnell, schnell, Wudke, nehmen Sie den neuen Roman von S. für den nächsten Aufmacher. 200 Zeilen, bitte, in zehn Minuten! Ja, Mistress, in zehn Minuten. Die Vierbeiner trollen sich mit ihren Happen. Die Zungen hängen allen zum Halse heraus. Die Bücher auch. Das viele Gedruckte. Und dann das der Konkurrenz. Bestimmt sind die wieder schneller. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schnellste im ganzen Land.

Wudke freut sich. Es läuft alles wie am Schnürchen. Nach drei Minuten hat er den Roman gelesen. In der vierten genehmigt er sich einen Kaffee. Dann schreibt er. Es geht doch etwas zäh, sobald er anfängt nachzudenken. Er lässt es lieber. Er braucht schließlich drei Minuten zum Schreiben. Dann liefert er ab. Die Redakteurin streichelt ihn und bindet ihn los. Wudke ist in gehobener Stimmung. Er war schnell, sehr schnell. Vielleicht überhaupt der Erste bei diesem schwierigen Roman. Tage später die Kritik eines Kollegen im Konkurrenzblatt. Gründlicher, geistreicher, um Klassen besser. Na ja, denkt Wudke. Schön und gut. Der ist auch alleinstehend. Da kann er sich's leisten, gut 20 Minuten über einem Buch zu vertrödeln. So lange, bis er selber zum Buch wird. Aber zu spät ist zu spät. Kein Hahn kräht mehr nach seiner Kritik. Der Roman ist ja längst aus dem Handel.

Geschichten aus dem alten Abendland. Wir müssen sie uns schnell erzählen, denn bald werden wir vergriffen sein.

Wann dürfen wir endlich lesen. Zehn Jahre oder wenigstens zehn Tage über einem Buch vertrödeln, um es zu verstehen. Wann endlich selbst zum Buch werden. Und dann alles vergessen.