Aus Deutschland nach Prag und weiter nach London geflohen, dort auch nicht zu Hause, aus der DDR vertrieben, in Jerusalem Zuflucht gesucht: Anna Maria Jokl, aus Wien gebürtig und nun in Israel im Alter von 90 Jahren gestorben, hat kluge Kinderbücher geschrieben, über "Die Perlmutterfarbe", ein Bestseller von 1950 über Anstand und Mut, "Basilius Knox", eine Erkundung der Physik, auch Essays. Ihr bewegendster Band, "Die Reise nach London", erzählt vom Exil. Wie gut, dass Bücher bleiben.

November, Finsternis, Sturm, biblische Sintflut, orientalisches Sirenengeheul. Rabin ist umgebracht worden. Ich bin im steinernen Jerusalem. Es geht mir schlecht. Was kommt, liegt in der Luft. Man sollte die Gasmasken vom Golfkrieg aus dem Keller holen.

Ich renne zu ihr. Es geht mir schlecht. Ich kriege einen Rémy Martin. Ich hänge unter der Decke. Sie bringt mich auf den Boden. Ihr Boden ist ein guter Grund für beinah alles. Etwas fängt an, was weitergeht. Ich kriege noch einen Rémy Martin. Sie lacht. Ihr Lachen steckt an. Wir lachen Tränen.

In der Nacht dröhnen Panzer. Ich renne zum Hotelfenster. Die Panzer fahren hoch zum Tempelberg. Von der Mauer kommt Klagegesang. Ein türkischer Halbmond steht über der Altstadt. Die Minarette und die Grabsteine schlagen Schatten. Als ob sich in dieser Stadt alle Unvereinbarkeiten vereint, alle Gegensätze zusammengefunden hätten, um aus der Not eine Not zu machen. Ich krieche zurück ins Bett und ziehe die Decke über den dröhnenden Panzerkopf.

Gegen Morgen wackeln die Wände. Oder sind es die Mauern des Gelobten Landes? "Nicht weinen, nicht klagen, verstehen, was geschieht!" Hat sie das gesagt, oder wer?

Es sei ein Erdbeben gewesen, das stärkste seit 1927. 7,2 auf der Richter-Skala. Das von LA soll 7,6 gewesen sein. Das Epizentrum sei im Sinai. Eilat und Ägypten seien schwer getroffen.

Es geht mir schlecht. Sirenen heulen. Ich will zurück auf ihren Boden. Ich brauche ihren Blick. Hat sie nicht Jossel Rackower spricht zu Gott übersetzt, das Buch, in dem der Mann im Warschauer Ghetto sagt: "Und jetzt, da ich das Leben und die Welt mit dem ungewöhnlich klaren Blick sehe, der manchen Menschen im Angesicht des Todes gegeben ist ..." Dunkel, kalt, windig. Es geht mir schlecht. Ich renne zu ihr. Ich kriege einen Rémy Martin. Aus ihren Fenstern, hoch über der Stadt, kann ich die jordanischen Berge sehen. Seit sie nicht mehr Feindberge sind, sehen sie anders aus. Früher waren sie hart und klar. Jetzt sind sie verschwommen, liegen ungewiss im Dunst.