Dieses Projekt muss man einfach gut finden und Raoul Schrott dafür dankbar sein, dass er Gilgamesch seinen Namen leiht, seine Stimme. Ob auch Raoul Schrott dafür dankbar ist, Gilgamesch seine Stimme geliehen zu haben? Wenn es für einen Schriftsteller eine undankbare Aufgabe gibt, dann diese. Aus einem Sprachkunstwerk, das vorwiegend als Gerücht existiert, aber noch als Gerücht eine Wertschätzung genießt, die dazu führt, dass man es in einer Reihe mit den Epen Homers nennt - daraus ein Ding aus Fleisch und Blut zu machen, das jeder glaubt beurteilen und an dem Ruf, der ihm vorauseilt, messen zu dürfen, das sollte nur einer unternehmen, der keinen Ruf zu verlieren hat, ein dünnbeiniger Gelehrter zum Beispiel, ein verkannter, mithin ruchloser Poet oder meinetwegen ein hoch verdienter Greis, dessen späte Narreteien nach seinem baldigen Tod leichter zu verzeihen sind.

Denn es kann gar nicht funktionieren. Es lässt sich nicht wiederherstellen. Es lebt davon, dass es verloren ist, dass etwas, und zwar etwas ganz Entscheidendes, verloren ist, es lebt davon, dass jeder, wie es ihm gefällt, dieses Etwas ergänzen kann. Ein Vergleich: Was würden wir davon halten, wenn die Griechen ihre Tempel und sonstigen Trümmer allesamt originalgetreu wieder herrichten würden? Nicht nur aufbauen, sondern auch anmalen, denn wir wissen ja jetzt, dass sie bunt waren, richtig knallbunt. Aus dem klassischen Bildungsurlaub würde ein Ausflug ins Disneyland, vielleicht auch eine so genannte Erlebnisreise, denn wenn die Griechen einmal so verrückt sind, ihre Tempel wiederaufzubauen, werden sie nicht zögern, auch Priester und Vestalinnen zur Live-Animation bereitzustellen. Ade, stille Einfalt, edle Größe, ade, Abendland!

Und nun die Fakten: Im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, auf dem Gebiet des heutigen Irak, gründen die Sumerer vermutlich schon im 5. Jahrtausend vor Christus die Stadt Uruk. Um 3500 wird hier die Keilschrift entwickelt. In der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends erhält die Stadt einen großen Schutzwall. Sie hatte zwischen 30 000 und 70 000 Einwohnern, umfasste ein Territorium von circa 5,5 Quadratkilometern und war größer als später Athen oder Jerusalem - die erste Großstadt der Welt. Als Erbauer der Stadtmauer gilt König Gilgamesch, dessen Regierungszeit zwischen 2750 und 2600 vor Christus fällt. Die Legendenbildung um Gilgamesch setzt in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends ein. Erste literarische Texte, in denen Gilgamesch erwähnt wird, datieren auf das Ende des 3. Jahrtausends. Zahlreiche Kurzepen und die so genannte "altbabylonische" Frühfassung des Epos entstehen. Gegen 1200 vor Christus verfasst ein Priester die "ninivitische" Fassung (nach dem späteren Fundort, der Tontafelbibliothek von Ninive), die als die bislang vollständigste gilt. Sie besteht aus elf Tafeln und umfasst circa 3000 Verse, von denen ein Fünftel nicht mehr erhalten ist. Ein Epos, ja, aber doch ein kleines; die Odyssee ist in etwa viermal so lang.

Pedantisch, aber frivol

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, diesmal nach Christus, wird die Bibliothek von Ninive durch englische Forschungsreisende entdeckt. Als man wenig später in der Lage ist, die Keilschrift zu entziffern, las man in diesen Texten, die älter waren als die Bibel, eine frühe Version der Sintflutgeschichte. In der Folge blühte die Assyriologie und erregte das Interesse einer breiten Öffentlichkeit: Die Autorität des Alten Testaments war plötzlich infrage gestellt. Die deutschen Assyriologen standen dabei an vorderster Front, sodass sich schließlich sogar Kaiser Wilhelm II. gezwungen sah, in die Debatte einzugreifen, um den Glauben zu retten.

In ihrem Kern, wie er sich in nahezu allen Fassungen findet, lautet die Geschichte wie folgt. Der halbgöttliche König Gilgamesch regiert so tyrannisch über Uruk, dass die Götter beschließen, ihm einen Rivalen zu erschaffen. Es ist Enkidu, der unter Tieren in der Wildnis aufwächst. Als Gilgamesch von ihm erfährt, schickt er eine Hure zu ihm, die ihn verführen und nach Uruk bringen soll. Gilgamesch kämpft mit Enkidu, erkennt seine Gleichrangigkeit an, und sie werden Freunde. Gemeinsam ziehen sie aus, um den Riesen Humbaba im Zedernwald zu bekämpfen und sich Ruhm zu erwerben. Sie töten Humbaba und greifen dadurch in die göttliche Ordnung ein. Zurück in Uruk, wird Gilgamesch von der Göttin Ishtar begehrt, weist sie jedoch ab. Aus Rache schickt sie den Himmelsstier auf die Erde. Gilgamesch und Enkidu töten ihn und vergehen sich dadurch ein zweites Mal an den Göttern. Diese verurteilen Enkidu zu Krankheit und Tod. Gilgamesch trauert um Enkidu, wird seiner eigenen Sterblichkeit inne und begibt sich auf die Suche nach Ut-na-pishti, dem einzigen unsterblichen Menschen, von dem er das Geheimnis des ewigen Lebens erfahren möchte. Ut-na-pishti ist der sumerische Noah: Er hat die Sintflut überlebt und wurde den Göttern gleichgestellt. Doch auch Ut-na-pishti kann Gilgamesch nicht helfen. So kehrt er nach Uruk zurück und muss sich damit trösten, als Erbauer der Stadtmauer ewigen Ruhm erlangt zu haben.

Zwei Motive sind es, die im Gilgamesch-Epos archetypisch gestaltet wurden: Die (Männer)Freundschaft, die der Tod beendet, und die nachfolgende Trauer; und die Suche nach der Unsterblichkeit. Das berühmteste, vom Geist des Gilgamesch-Epos inspirierte Werk in deutscher Sprache ist Hans Henny Jahnns Fluß ohne Ufer. Das jüngste ist Christian Krachts 1979. Die bis dato gängigste deutsche Fassung des Gilgamesch-Epos von Albert Schott stammt aus dem Jahre 1934 (immer wieder aufgelegt bei Reclam).