Ganz Deutschland fürchtet sich vorm schwarzen Mann - und in Berlin darf er kleine Kinder unterrichten. Das ist eine krasse Fehlmeldung! Aber ungefähr so mag mancher es empfunden haben, als er in der vorigen Woche folgende (echte) Meldung las: In Berlin darf eine islamische Vereinigung selbst dann ihren Religionsunterricht in staatlichen Schulräumen abhalten, wenn die Islamlehrer "in Einzelfragen aus religiösen Gründen" Auffassungen vertreten, die von der Verfassung abweichen. So sagt es jedenfalls das Verwaltungsgericht. Wird da nicht mit richterlichem Plazet der fundamentalistische Bock zum Gärtner gemacht?

Die Kritik daran träfe jedenfalls nicht das Verwaltungsgericht, sondern den Landesgesetzgeber in Berlin. Denn der verhält sich so, dass die Richter gar nicht anders entscheiden konnten. Was ist nun beim Thema Religionsunterricht die Rechtslage in Berlin? Sie ist anders - und zwar anders als überall. Sie unterscheidet sich zunächst von der Mehrheit der Bundesländer: Dort ist, dem Grundgesetz entsprechend, Religionsunterricht ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen - für jene Schüler, die das Fach nicht abwählen. Die Berliner Lage unterscheidet sich aber auch von der im Nachbarland Brandenburg: Dort gibt es zwar keinen Religionsunterricht im Lehrplan, aber stattdessen LER - und darüber wird derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht gestritten, vielleicht mit einem Kompromiss als Ergebnis. In Berlin jedoch gibt es - gar nichts. Jedenfalls nichts an Religions- oder "Werte"-Unterricht, was rechtlich geregelt wäre.

Aber wie kommt dann die Islamische Föderation überhaupt in die Berliner Schulen, um "in Einzelfragen" verfassungswidrige Thesen zu vertreten? Ganz einfach: so wie die Kirchen auch. Absurd - und wirr? Nein: logisch und klar!

In Berlin stellt die Schulverwaltung seit anno dunnemals den Kirchen gewissermaßen Räume, Licht und Heizung in ihren Schulräumen zur Verfügung. So können die Kirchen außerhalb des geregelten Schultags Religionsunterricht nach eigener Façon erteilen - zwar innerhalb der Schule (als Gebäude), aber außerhalb der Schule (als gesetzlich geregeltes Unterrichtsgeschehen). Dem Staat ist es also gleichgültig, was da unterrichtet wird: Nicht einmal ignorieren, heißt die Parole. Es gibt keine Lehrpläne, keine wissenschaftlichen Qualifikationsanforderungen an die Lehrer, keine Schulaufsicht über Niveau und Verfassungstreue; nicht einmal das Erfordernis, auf Deutsch zu unterrichten. Irgendwann musste dann, zum Teil erst nach gerichtlichen Auseinandersetzungen, auch islamischen und sogar atheistischen Vereinigungen dasselbe eingeräumt werden, ohne Rücksicht auf Mitgliederzahl und Beschaffenheit des Unterrichts. Warum auch nicht? Wenn einige ohne Aufsicht alles dürfen, warum dann nicht alle einiges?

Seit Jahren wird darüber in Berlin gestritten. Alle, die sich für einen Religionsunterricht als Wahlpflichtfach einsetzen (die CDU, die Kirchen, ein Teil der SPD), haben schon die verschiedensten Ideen dafür ausgeheckt. (Wahlpflichtfach - das heißt: Irgendetwas müssen die Schüler wählen - Philosophie, Ethik oder eben Religion; aber keiner wird zur Religion gezwungen.) Auch der bisherige Schulsenator Klaus Böger (SPD) wollte sich in diese Richtung bewegen - aber die Mehrheit seiner Partei wollte ihn nicht lassen. Dabei hat der Parteivorsitzende und Kanzler Gerhard Schröder dem härtesten der Blockierer Klaus Wowereit intern schon zum Kompromiss geraten. Vergeblich bisher!

So kommt es, dass die Berliner SPD sich immer noch lieber dazu verurteilt, verfassungswidrigen Islamismus in den Schulen zu dulden, als dass sie ihren habituellen Antiklerikalismus reflektiert. Wie lange noch?