Der obergermanisch-rätische Limes, im 2. Jahrhundert nach Christus erbaut, zieht sich genau 550 Kilometer vom Mittelabschnitt des Rheins über Taunus, Wetterau, Main, Odenwald und Schwäbische Alb bis zur Donau bei Regensburg. Ein eindrucksvolles Bauwerk: Im Schnitt drei Meter hoch, hatte er einmal über 900 Wachtürme und mehr als 60 Kastelle - und trennte das römische Weltreich vom freien Germanien. Der Limes ist das größte Bodendenkmal Europas. Gerade haben dies auch die Landesdenkmalämter erkannt, und die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes wird ihn in seiner Substanz schützen.

Ein Bad gehörte zum Standard

Kaiser Trajan war es, der das anfängliche Schneisensystem des Limes, in dessen Sichtachsen Holztürme zur Überwachung standen, durch eine drei Meter hohe Palisadenwand aus Eichenbohlen zu einer geschlossenen Grenze machte. Etwa 100 Jahre später ersetzte man die Palisade durch Wall und Graben. Auf den letzten 167 Kilometern, dem rätischen Limes, wurde der Wall sogar als Steinmauer ausgeführt. Die Holztürme wurden durch zweistöckige, zehn bis zwölf Meter hohe Steintürme abgelöst. Fertig war der Limes. 260 nach Christus machten ihm die Alamannen den Garaus.

Östlich von Idstein, am Roten-Kreuz-Pass, über den einst eine wichtige Straße durch den Taunus führte, beginnen wir unsere Wanderung. Unweit des Passes zieht sich ein zwei Meter hoher Erdwulst durchs Gelände. Auch der Graben ist noch gut zu erkennen. »Soldaten«, hatte Napoleon vor der Schlacht an den Pyramiden seiner Armee zugerufen, »Jahrtausende schauen auf euch herab!« Am Limes geht man über Jahrtausende.

Unterhalb des Feldbergs, auf etwa 700 Metern, stößt man auf das höchstgelegene Kastell des Limes. Nur die Fundamente haben überdauert. Doch aus ihnen lässt sich das Bauwerk rasch rekonstruieren. Jedes römische Kastell war »genormt«, hatte einen genau festgelegten, meist rechteckigen Grundriss. In der Mitte der Umfassungsmauern vier Tore, die das Innere durch zwei sich überkreuzende Straßen erschlossen. Im Zentrum das Stabsgebäude, daneben, durch den halb runden Grundriss erkennbar, das Fahnenheiligtum, gleich benachbart das Haus des Kommandanten und ein Speicher. Verschwunden sind die Holzbaracken der Mannschaften, gut erhalten ist dagegen das Bad, das zum hygienischen Standard der römischen Armee gehörte. Ausgelegt war das Kastell für etwa 150 Mann. Dank einer Inschrift wissen wir, dass ungarische Reiter hier den Wachdienst fürs Imperium besorgten.

Wie mit dem Lineal gezogen, läuft der Limes nach Nordosten. Mal ist er nur Böschung, dann wieder ein zwei Meter hoher »Bahndamm« mitten im Wald. Schon vor 100 Jahren haben die Archäologen der Reichs-Limes-Kommission seinen Verlauf genau kartografiert. Fünf Jahre veranschlagte Theodor Mommsen 1892 für die Untersuchung des »ältesten großen historischen Bauwerks, welches Deutschland besitzt«, aber erst 1937 waren das Großprojekt abgeschlossen und die Ergebnisse veröffentlicht.

Hinter dem Limes, immer in Sichtweite, sodass sich die Mannschaften gegenseitig benachrichtigen konnten, lagen die Wachtürme. Im Endausbau führte eine Leiter zum ersten Stock, waren sie heizbar, also wintertauglich, und mit vier bis fünf Mann besetzt. Wir passieren das Fundament des WP (Wachposten) 3/49. Mit 825 Meter der höchstgelegene Limesturm. Pause am Sandplacken, der nächsten Passhöhe, die der Limes sichert. Ganz im Sinne römischer Mobilität, die allen freien Bewohnern des Imperiums volle Freizügigkeit innerhalb seiner Grenzen gestattete, betreibt eine Familie aus Rumänien eines der Ausflugslokale. Als Provinz Dacia war das Land einst Teil des römischen Weltreichs.