to rococo rot liest sich vorwärts wie rückwärts gleich - ein Palindrom als Name einer Band, das ist Programm: aus musikalischen Bruchstücken durch Wiederholungen und Endlosschleifen Strukturen schaffen und jene durch geringfügige Variationen zum Tanzen bringen. Auf dem Apple-Notebook rücken fluffig-plockende Geräusch- und Klangpartikel nicht identifizierbarer Herkunft zusammen, oft ergänzt um leichtfüßiges Schlagzeug und melodische Bassgitarre. Electronic Listening kann man das nennen oder Wohnzimmer-Techno. Die New York Times hörte beeindruckt little clicks and whooshes und fühlte sich "an die leere Geschäftigkeit eines über Nacht angelassenen Computers erinnert". Das Trio aus Robert Lippok , Ronald Lippok und Stefan Schneider hat seit 1996 einiges veröffentlicht: beim Label Kitty-Yo das Album to rococo rot , bei City SlangVeiculo, The Amateur View, Music Is A Hungry Ghost . Und jetzt erscheint bei staubgold das Kölner Brett - Musik für ein Gebäude von Arno Brandlhuber und Bernd Kniess.

Kölner Brett heißt ein Anfang des Jahres vollendetes New-Loft-Gebäude - so wie die Straße in Köln-Ehrenfeld. Die Architekten Brandlhuber und Kniess, kurz b & k, entwarfen es aus dem Wunsch heraus, flexibel zu gestaltenden Wohn- und Arbeitsraum anzubieten, der zudem bezahlbar sein sollte. Entstanden sind zwölf Lofts zu je 130 Quadratmetern, jeweils aus einem eingeschossigen breiten und einem zweigeschossigen schmalen Raum bestehend. Wie ein dreidimensionales Puzzle sind sie zu einem Quader zusammengesteckt. Dass die Freundin des Düsseldorfer Musikers Stefan Schneider bei b & k ein Praktikum machte, war ein Zufall, der dazu beitrug, dass to rococo rot den Auftrag bekam, eine Hausmusik zu komponieren. Auf der Architekturschau in Orléans dieses Frühjahr staunte das Publikum: ein Gebäude war zu hören in zwölf Modulen zu drei Minuten. Stefan Schneider spricht von der Idee, die Musik "so rohbauartig" zu halten wie die Loft-Architektur, sich auf "Holzfußboden und Beton" zu beschränken, "mit wenigen wiederkehrenden Elementen eine starke Atmosphäre zu schaffen, Platz zu lassen für den Hörer".

Arno Brandlhuber vom Kölner Architekturbüro b & k erklärt, wie er mit seinem Partner Bernd Kniess auf die Idee kam, ein Gebäude vertonen zu lassen: "Architektur hat normalerweise nur eine Ausstrahlung von 50 bis 150 Metern, jenseits davon ist sie nichts mehr wert. Uns ging es darum, die Reichweite des Objektes zu erhöhen, indem wir es weiter verarbeiten ließen." Spannend sei die Frage gewesen, "ob die Musiker ein eigenständiges Werk schaffen können". Etliche Male hätten die Architekten mit Stefan Schneider gesprochen; der hätte das Kölner Brett auch für die CD fotografiert und gemeinsam mit Robert Lippok von innen besichtigt. Brandlhuber ist nicht nur mit dem Ergebnis zufrieden, auch mit dem Weg dorthin. Architekten hätten es sonst ja vor allem mit Bauherren zu tun, was nicht so erquicklich sei.

Stefan Schneider hörte mit 13 zum ersten Mal eine Band aus seiner Stadt im Radio: Kraftwerk. Er blieb in Düsseldorf und studierte Kunst. Als Bassist der Elektronikgruppe Kreidler hatte er Erfolg. Anfang 1995 traf er in einem Berliner Club auf Robert Lippok , der dort als DJ wirkte. "Mit Plattenspielern, Rhythmusmaschinen und Effektgeräten machte er Minimal-Techno, der zusammengelötet klang, ziemlich toll." Man vereinbarte, mal was zusammen zu versuchen. Die Gelegenheit ergab sich ein halbes Jahr später, als Robert mit seinem Bruder Ronald Lippok in der Berliner Galerie Weißer Elefant eine Ausstellung machte, die von Musik begleitet werden sollte. Robert zeigte Plattenspieler mit aufgesetzten, vor- und zurückdrehenden Bohrmaschinen; Ronald fand in einer englischen Palindromsammlung aus dem 19. Jahrhundert das Wortspiel to rococo rot , das ihn an einen Loop, eine unendliche Klangschleife, erinnerte und deshalb zum Namen des Trios erkoren wurde.

Ronald Lippok , 38, wuchs auf an der Ost-Berliner Zionskirche, hinter der Schallmauer, über die neue Musik nur mit Verzögerung drang. Mitte der Siebziger Slade, Sweet und T. Rex, zum Abitur war Progressive Rock dran, sehr zum Verdruss seines jüngeren Bruders Robert Lippok : Denn die alten Kassetten, die den Glamrock trugen, wurden nun mit Jethro Tull und Yes überspielt. Erst im Punk versöhnten sich die Brüder. Ronalds erstes Schlagzeug stammte von der Betriebskapelle für Bohr- und Sprengtechnik des väterlichen Autobahnbaukombinats, seine erste Band hieß Rosa Extra nach einer DDR-Damenbinde. 1982 gründete er mit dem Bruder die Gruppe Ornament & Verbrechen, bei der im Lauf der Jahre wohl 50 Musiker und Nichtmusiker mitmachten; die Stasi hörte aufmerksam ab und zu. Ronald Lippok war Hilfsarbeiter, studierte Malerei, machte Punk und was er für Jazz hielt. Experimentierfreudige Ziellosigkeit war seine Antwort auf den Sozialismus. Sechs chaotische Jahre nach der Wende kam der Erfolg: mit Tarwater und to rococo rot . Heute lebt er von der Musik; zum Malen kommt er kaum noch. Sein letztes Bild entstand vor zwei Monaten - es hängt in einem russischen Plattenladen in Berlin.

Robert Lippok , 35, wollte als junger Mann diese Frau aus West-Berlin. Drei Jahre lang kämpfte er für die Ausreise, Ende Januar 1989 war es so weit. Was endete schneller: die Liebe oder die Teilung? Noch in der Nacht des 9. November kam ihn sein Bruder Ronald Lippok in Schöneberg besuchen. Bald zog er wieder nach Mitte. Schon in seiner Jugend hatte er einen Hang zum Basteln gehabt, den er weniger technisch als kreativ auslebte und selbst als "intuitives Löten" bezeichnet. Als einziges Mitglied von to rococo rot korrespondiert er per E-Mail, keiner im Trio versteht so viel von Computern wie er, der von sich sagt: "Ich kann nicht einmal eine Tonleiter spielen." Am Theater hatte er Schuster gelernt, sich in der DDR dann als Babysitter durchgeschlagen, kurz vor seinem Abgang stellte er in der Wohnmaschine, Ost-Berlins erster privater Galerie, verschimmelte Apparate aus. Heute gestaltet er auch Bühnenbilder - demnächst für den Parsifal in Kassel, weshalb Wagner-Literatur bei ihm zu Hause sogar auf dem Klo liegt.

Tarwater hört sich deutscher an als to rococo rot . Nicht luftig, nicht futuristisch, eher träge, dunkel, schemenhaft, wie aus einer Urvergangenheit aufsteigend. Sprechgesang transportiert rätselhafte Botschaften. Ronald Lippok , der ein Faible für Alchemie und Mystik hat, montiert sie aus Texten von Marc Bolan bis Philippe Cousteau. Sein Partner ist der Bassist Bernd Jestram , den er schon aus DDR-Zeiten kennt. Vier Alben erschienen seit 1996 bei Kitty-Yo in Berlin: 11/6 12/10; Rabbit Moon; Silur; Animals, Suns & Atoms . Ein fünftes Werk - Not The Wheel - ist kürzlich bei Gustaff in Polen herausgekommen. In Polen hat das Duo großen Erfolg, auch in Frankreich, wohingegen to rococo rot eher in England und Amerika ankommt. Ronald Lippok , der sich im kleinen Zirkel der Ost-Berliner Bohème wohl fühlte, hat jetzt auch schon in Istanbul gespielt und genau hingehört, wie es klingt, wenn der Muezzin ruft.

Bernd Jestram ,Gitarrist und Theaterkomponist, hat eine kleine, vom Verkehrslärm bebende Wohnung in der Torstraße, die Tarwater als Studio dient. Anders als to rococo rot , die ortlos zwischen Berlin und Düsseldorf hängen, deren Musik bisweilen auf der Tournee im Hotelzimmer entsteht, hat seine Band ein Zuhause in Berlin-Mitte, mit Wohnzimmer, Klo und Küche. Da stehen wohlgeordnet Platten und Instrumente und ein paar elektrische Geräte zur Speicherung, Veränderung und geduldigen Anhäufung von Klangschnipseln. Tarwater? Der Name stamme von einer alten Bluesscheibe, auf der ein John Tarwater verzeichnet gewesen sei. Die erste Veröffentlichung, in winziger Auflage, präsentierte Liebesgedichte des englischen Klerikers John Donne, eines Zeitgenossen Shakespeares.

Kitty-Yo in Berlin-Mitte ist das Label, auf dem die erste to rococo rot -Platte und die meisten Tarwater-Alben erschienen sind. Label-Chef Raik Hölzel, der zu DDR-Zeiten Steuerberatungsgehilfe war, dann Modedesigner ("hab selber genäht"), Grafiker und Siebdrucker, ist durch einen Zufall an Robert Lippok geraten. "Meine damalige Freundin war befreundet mit seiner." Die erste to rococo rot sei ihnen vor fünf Jahren aus den Händen gerissen worden, "heute verkaufen wir die immer noch". Die Band sei dann zu City Slang gewechselt, "der besseren Auslandskontakte" wegen, "die stehen ja auch in Chicago im Plattenladen". Tarwater hingegen, im Trip-Hop-Kontext entstanden, repräsentiere das, "was sich auf diesem Gebiet durchgesetzt hat".

City Slang in Berlin-Kreuzberg ist das Label, auf dem die meisten to rococo rot -Alben erschienen sind. Sein Chef Christof Ellinghaus ist ein eloquenter Polterer. Jahrelang habe er sich nicht mit deutscher Musik beschäftigt, "alles zu epigonal", bis eben Robert Lippok mit einem Demotape bei ihm vorbeigekommen sei, kein Zufall, "er wohnte ja im Vorderhaus". Die Musik des Trios sei natürlich "eher Klangforschung" und verkaufe sich nicht wahnsinnig, obwohl, eigentlich, "grandiose Autofahrmusik" von "extrem entspannten Typen". Ronald Lippok sei "einer der besten Schlagzeuger, was Restriktion und Präzision angehe. Er hat die Inspiration, im richtigen Moment das Richtige zu tun, und davon eher weniger als mehr." Und das Kölner Brett , die Gebäudemusik, beim Kölner staubgold-Labelchen erschienen? "Für so was liebe ich sie", sie hätten ja auch schon Badezimmermusik gemacht, auf einer Installationsmesse in Berlin neulich, "vor kulturell interessierten Klempnern".