Lange sah es so aus, als ob das Pathos nie auf unsere Bühnen zurückkehren würde. Dort, wo es seine Wurzeln, seine Heimat hatte, war es nicht mehr zugelassen. Ein Vertriebenenschicksal, ein Opfer der Geschichte. Und niemand weinte ihm eine Träne nach. Mochte es sich auf den Podien der Politik, auf Kanzeln oder Kathedern längst wieder einnisten - aus dem Schauspiel blieb es verbannt. Nichts schien, nach allen historischen Erfahrungen mit einer grausam pervertierten idealistischen Rhetorik, so nachhaltig diskreditiert, nichts war der nachwachsenden skeptischen Theatergeneration von Grund auf so verdächtig. Es gab kein richtiges, nur noch falsches Pathos. Hoher Ton war immer hohler Ton. Also tabu: O Freunde, nicht diese Töne ...

Ausgerechnet Schiller. Kaum einer aus dem Parnass der gelben Reclam-Hefte hatte unter dem Bühnenpathosverbot so zu leiden wie er. Entweder wurde er gar nicht gespielt - oder gnadenlos unterspielt. Karikiert, konterkariert, kurz und klein gemacht. Play Schiller. So sollte er uns nahe gebracht werden - und blieb uns umso fremder.

Jedes Tabu ist umstößlich - und jetzt, da plötzlich im Theater das Pathos wieder ins Gespräch kommt und auch jüngere Regisseure, des Demontierens und Dekonstruierens müde, nach Fernerliegendem Ausschau halten, könnte, wer weiß, selbst der große Weimarer Pathetiker uns wieder näher rücken. Wiedergutmachungsansätze hat es zuletzt schon manche gegeben - doch allen war anzuspüren, wie schwer wir Heutigen uns mit diesem Autor tun. Auch vom jüngsten Versuch am Wiener Burgtheater - Andrea Breth hat Maria Stuart inszeniert - ist Zwiespältiges zu berichten.

Nun ist Andrea Breth gewiss eine der wenigen, die noch nie Angst hatten vorm hohen Ton. Zu ihrer Ehrfurcht vor den Klassikern hat sie sich immer bekannt. Insoweit bestätigt die Aufführung, was von dieser großen Regisseurin zu erwarten war: In Wien wird mit Schiller kein Schmu gemacht. Der Autor wird ernst und beim Wort genommen, die Geschichte texttreu, wenn auch nicht ungekürzt erzählt, wird weder zerstückt noch aufgebrochen noch besserwisserisch aktualisiert. Da zudem eine Phalanx prominenter Schauspieler auf der Bühne steht, ist der Erfolg programmiert: Nach dreieinhalb Stunden feiert das Publikum der Burg lautstark sein Ensemble.

Und trotzdem: Eine große Aufführung ist es nicht geworden. Merkwürdig blutleer, kühl und kunstfertig wirkt vieles an diesem langen Abend. Es braust nicht, es pulst nicht - die Schillerschen Leidenschaften wollen nicht glühen. Der Abstand bleibt groß - in ariosem Zeremoniell, in musealer Schönheit rollen die Verse hinan und hinab. So belegt auch diese Inszenierung das doppelte Dilemma eines zeitgenössischen Umgangs mit Schiller. Wer Schiller spielt, muss nicht nur der Sprache vertrauen (das tut die Breth), er müsste, soll deren Pathos nicht leer laufen, auch den Menschen vertrauen, müsste, schlicht gesagt, an das Gute, das Bessere in ihnen glauben können: Das tut sie offenkundig nicht. (Und wer unter uns Skeptikern dürfte ihr das vorhalten?) Wer Breths Theaterarbeit über die Jahre verfolgt hat, konnte die sukzessive Verfinsterung ihres Welt- und Menschenbildes, ihren wachsenden Fatalismus erahnen. So hat sie, in extrem eigenwilligen Deutungen, Goethe, Kleist, Tschechow eingedunkelt, bei Schiller jedoch muss dieses Verfahren scheitern. Schillers Figuren brauchen Fallhöhen. Sie müssen sich selbst - und uns - Illusionen machen dürfen. Doch das lässt Andrea Breth nicht zu.

Schon die befremdliche Besetzung der beiden Hauptrollen, der enorme Altersunterschied der Königinnen (Schiller stellte sich bekanntlich die Stuart als eine 25-, Elisabeth als eine 30-Jährige vor) programmiert die erotische Desillusion. Dass hier, im Clinch der Kronen, nicht nur katholische Sinnenlust und anglikanischer Puritanismus, sondern auch zwei "Huren" (Goethe) respektive "keifende Fischweiber" (Brecht) um Männergunst und physische Vorherrschaft rivalisieren, darf man getrost vergessen. Corinna Kirchhoff, die Jüngere, ist eine nervös verpresste Stuart, herb um den Mund, bleich eher als weich, zwanghaft fährt sie sich durchs Haar, schlenkert ein Bein, von aller Weiblichkeit ist nur noch bitterer Trotz geblieben. Elisabeth Orth hingegen, larvenhaft geschminkt, hochtoupiert, in Prachtrobe und riesiger Fächerkrause eingesargt, ist eine eiserne Lady der Macht. Dass Graf Leicester, bei Michael König ein mürber Lebemann, ihr liebliche "Jugendkraft" anschmeicheln will, ist nur noch bizarr. Weit glaubhafter wirkt ihre Vereinsamung, ihr Überdruss an der politischen Fron - da findet die Schauspielerin eindringliche Momente. Zwischen dieser Maria und dieser Elisabeth kann es zur viel zitierten "schwesterlichen" Nähe gar nicht erst kommen. Das Damendoppel bleibt ein Fernduell und folgerichtig wird die Begegnung im Park von Fotheringhay ein manieriertes Aneinandervorbei und Voneinanderweg. Der Höhepunkt des Dramas - vertan. Die Explosion der Gefühle - ein reiner Kunstvorgang.

Nicht minder geheimnisarm die Männerwelt: Nicholas Ofczareks Mortimer ist kein Schwärmer und Träumer, sondern offenkundig ein Neurotiker, Gerd Böckmanns Burleigh ein routinierter Zyniker, Martin Schwabs Shrewsbury ein greiser Trottel. Allen fehlt das Schillersche Surplus - Furor, Würde, Weisheit. Nie sind sie mehr, als wir von ihnen halten. Und kalte Ödnis herrscht auch auf Annette Murschetz' Bühne. Düstere Wände, dürre Grashügel, alles grau in schwarz. Hoffnungen blühen hier nicht. Schillers heftige Passionen auch nicht.