Atwan nickt, als der Name Osama bin Laden zum ersten Mal fällt. Er ahnt, dass sich das Interesse an ihm auf die Fragen konzentrieren wird, wie dicht er dran ist an bin Laden, wie oft er ihn sieht und wie gut sie sich kennen. Immerhin hatten ihm bin Ladens Gehilfen im August per Telefon angekündigt, dass sie "etwas ganz Großes" planten. Immerhin hatten sie ihn schon 1998 nach den ersten US-Angriffen auf Afghanistan unterrichtet, dass der Terrorist mit Bart und Kalaschnikow noch am Leben sei. Und immerhin war es Atwan, der bin Laden 1996 exklusiv in einer geheimen, eiskalten Höhle, irgendwo in den afghanischen Bergen, interviewen durfte. Damals, nach zwei Dutzend Morden an US-Soldaten und nach dem ersten Aufruf zum heiligen Krieg - der Fatwa, die Al-Quds abdruckte - hatte sich der Journalist bei bin Laden nach einer Rechtfertigung für den Terror und nach weiteren Mordplänen erkundigt.

Journalistisch war das keine verwerfliche Tat. Doch sie wirkte eingefädelt - zu fragwürdig, um damit als unverdächtig durchzukommen. Vorwürfe, er habe sich instrumentalisieren lassen - so wie man es dem TV-Sender Al-Jazeeravorhielt, der vorproduzierte Videos von bin Laden ausstrahlte -, weist Atwan zurück. "Ich muss entscheiden, worüber ich die Leser informiere, nicht die CIA", sagt er und hebt die Stimme. "Jede westliche Zeitung würde dieselbe Antwort geben, wenn ihr ein ähnlicher scoop gelänge", betont er. Ob ihm diese Antwort leicht fällt, will er nicht kommentieren. Als Chefredakteur und Mehrheitsaktionär von Al-Quds ist er es nicht gewohnt, journalistische Entscheidungen gegenüber einer anderen Instanz zu rechtfertigen als der eigenen Moral.

Atwan kam 1950 in einem palästinensischen Flüchtlingscamp in Gaza zur Welt. Nach dem Journalismusstudium in Kairo war er zuerst Reporter in Dschidda und wurde 1978 für Asharg al-Awsat, die wohl konservativste Zeitung Saudi-Arabiens, Korrespondent in London. In dieser Zeit hatte die britische Hauptstadt längst begonnen, Beirut als Medienmetropole der arabischsprachigen Welt abzulösen. Für Atwan schien der Moment gekommen, "endlich frei zu arbeiten". Doch es kam anders: Konzentriert erzählt er von der in London andauernden Zensur und Selbstzensur durch die Heimatredaktion. Seine Verbitterung ist noch spürbar. 1989 schließlich gründete er seine eigene Zeitung: Al-Quds al- Arabi. Es bedeutet: Arabisches Jerusalem.

Obwohl Atwan mit der eigenen Zeitung an seine persönliche Herkunft anknüpfte, war Al-Quds von Anfang an mehr als ein Organ für palästinensische Exilanten. Sie entwickelte sich zu einer einflussreichen und kritischen panarabischen Stimme. Das Blatt ist bekannt für seine Berichte über Korruption und Misswirtschaft in der arabischen Welt. Und dafür, dass es immer wieder unter staatlichen Bann fällt. In Kuwait, Saudi-Arabien und Syrien ist Al-Quds verboten. Doch Abdel Bari Atwan hat Grund zur Gelassenheit. Die Mehrheit der Auflage von 75 000 Exemplaren erscheint nicht in arabischen Staaten, in denen permanent Zensur droht. Al-Quds verkauft sich vor allem in der EU oder in den USA. "Da ist es mir egal, wenn uns die Golfstaaten verbieten", sagt Atwan demonstrativ selbstbewusst.

Die meisten der rund 50 arabischen Zeitungen, die Tag für Tag allein in London erscheinen, haben dagegen schwer mit der Zensur zu kämpfen. Ihre wichtigsten Leser und Anzeigenkunden sind häufig in der Golfregion. In vielen Fällen lässt schon ein Vertriebsverbot in Saudi-Arabien das gesamte Geschäft erlahmen. Das gilt auch für die führenden arabischen Blätter Asharg al-Awsat und al-Hayat, die Mitgliedern der saudischen Königsfamilie gehören. Immer wieder werden sie wegen unerwünschter Inhalte tageweise verboten - mitunter auch von ihren Eigentümern - berichten Nahost-Experten wie Larbi Sadiki von der britischen Universität Exeter.

"Al-Quds ist unabhängig, wir bringen die andere Sicht", betont Atwan. Kompromisslos fordere er Meinungsfreiheit und Demokratie im Nahen Osten, so wie er auch oft die Politik des Westens infrage stelle. Er wetterte gegen den Golfkrieg - und handelte sich ein Verbot von Al-Quds in Frankreich ein. Vom ersten Tag an verurteilte er die Terrorakte vom 11. September, aber genauso lehnt er den Bombenkrieg in Afghanistan ab.

Trotz aller Beteuerungen der Ausgewogenheit ist Al-Quds nicht so neutral, wie Atwan sie gern beschreibt. Denn für ihn ist die palästinensische Frage nicht nur "die zentrale arabische Sache", sondern auch das erste Anliegen der Redaktion. "In puncto Israel kann ich nicht neutral sein." Doch auch die Palästinenser nimmt Atwan in die Pflicht. "Ich will keinen palästinensischen Staat, wenn er nicht konsequent auf Menschenrechte gebaut wird", betont Atwan mehr als einmal.