Der Mythos:

Die Wirklichkeit: Auch Leistungen im moralisch-wertebildenden Bereich sind messbar. Dabei gehen die meisten Erhebungsverfahren auf den amerikanischen Psychologen Lawrence Kohlberg und seine Theorie der kognitiven Entwicklung des moralischen Urteils zurück. Laut Kohlberg vollzieht sich diese Entwicklung in sechs Stufen, die nach der vormoralischen Phase (bis zum vierten Lebensjahr) nacheinander durchlaufen werden. Auf Stufe eins und zwei orientiert sich das Kind am eigenen Wohlergehen (Lust/Schmerz, Strafe/Belohnung) und an Tauschgerechtigkeit ("Wie du mir, so ich dir"). Auf Stufe drei und vier richtet sich dann die fortgeschrittene Entwicklung auf die Erwartungen an Bezugspersonen und an Grundgesetz und Verfassung. Auf den oberen Stufen fünf und sechs orientiert sich das moralische Urteilen am Sozialvertragsdenken, etwa, sich für das Wohl der Gesellschaft einzusetzen.

Der jeweilige Stand dieses Urteils wird in Interviews erfasst, in denen die befragten Schüler mit Dilemmasituationen konfrontiert werden. Eine andere, weniger aufwändige Methode bietet ein ursprünglich von Gibbs, Basinger und Fuller entwickelter Fragebogen mit verschiedenen Situationszusammenhängen, in denen Normen und Werte thematisiert werden. Es geht dabei unter anderem um Versprechen, Wahrheit, Lebensrettung und Gesetzesbruch. Außerdem werden die Fragen in verschiedene Zusammenhänge gestellt und mit einem kurzen, moralischen Stimulanz versehen. Da wird zum Beispiel zuerst gefragt: "Wenn du an ein Versprechen denkst, das du einem Freund gegeben hast - wie wichtig ist es, Versprechen gegenüber Freunden zu halten?" und die nächste Frage entsprechend verändert in "Wie wichtig ist es, Versprechen gegenüber jemandem einzuhalten, den man kaum kennt?"

Ordnet man die von den Probanden gegebenen Begründungen den Kohlbergschen Stufen zu, erhält man einen Indikator, der tatsächlich Unterschiede im moralischen Urteilsniveau erfasst. Eine nach dieser Methode durchgeführte Untersuchung der Bildungsforscher Sabine Gruehn und Kai Schnabel zum Unterrichtsfach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) in Brandenburg bestätigt diesen Zusammenhang. Um die Validität des Fragebogens zu überprüfen, untersuchten sie zunächst nahe liegende Vermutungen, die sich auch bestätigten. So kam unter anderem heraus, dass sowohl Mädchen als auch Gymnasiasten auf einem höheren Niveau argumentieren als Jungen beziehungsweise Gesamtschüler. Nach Ansicht der Forscher belegen die Ergebnisse durchaus, "dass Verfahren zur Messung psychosozialer Entwicklungsaspekte als heuristische Werkzeuge in der Evaluationsforschung sinnvoll eingesetzt werden können". Ob allerdings das Unterrichtsfach LER die moralische Urteilskompetenz tatsächlich fördert, darüber äußern sie sich eher zurückhaltend. Immerhin stützten die Befunde diese Annahme, formulieren sie diplomatisch.