Als die Politikwissenschaft nach 1945 an den deutschen Universitäten wieder gegründet werden sollte, war der Freiburger Historiker Gerhard Ritter skeptisch. Sie erschien ihm als eine "aus Amerika importierte Wissenschaft". Ritter lag damit nicht ganz falsch, wurde die Disziplin doch maßgeblich von den aus Amerika zurückgekehrten Emigranten wieder aufgebaut, zudem unter der Regie vor allem der amerikanischen Militärbehörden. Dennoch war die Politikwissenschaft in Deutschland keineswegs etwas Neues, sondern konnte auf eine alte Tradition zurückblicken, ja der vermeintliche Import, die political science, hatte selbst deutsche Wurzeln.

Wie reichhaltig diese Tradition ist und wie die wechselvolle Geschichte des Fachs von seinen spätmittelalterlichen Anfängen bis heute verlief, zeigt der Bochumer Politikwissenschaftler Wilhelm Bleek in seiner Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland. Bleek, der bisher vor allem in der Deutschland- und DDR-Forschung hervorgetreten ist, unternimmt damit erstmals eine umfassende Darstellung der Geschichte dieser Disziplin, die im Laufe der Jahrhunderte gravierende Wandlungen erfuhr, sich immer wieder neu konstituierte und nicht zuletzt den wechselvollen politischen Verhältnissen unterworfen war.

Die Politikwissenschaft wurde an den deutschen Universitäten nicht zu allen Zeiten unter diesem Etikett betrieben. Der Autor entfaltet ihre Geschichte von den Anfängen im späten 14. Jahrhundert, als in Heidelberg die ersten "Politik"-Vorlesungen an der Universität gehalten wurden, über ihre erste Blütezeit als kameralistische Staatswissenschaft im 18. Jahrhundert bis zu ihrer zweiten Blüte in der Staatslehre des Vormärz. Der führende Kopf der historischen Schule der Politik, Friedrich Christoph Dahlmann, war neben Robert von Mohl einer der Professoren, die sich 1848 als Abgeordnete in der Paulskirche um eine Umsetzung der Theorie in die Praxis bemühten.

Dahlmann zog sich schließlich resigniert zurück. Überhaupt waren auch in der universitären "Politik" in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Träume ausgeträumt. Nunmehr wurde wieder Verwaltungswissenschaft für eine ordentliche Beamtenausbildung gepaukt. Politisch wehte der Wind der "Realpolitik". Der Historiker Heinrich von Treitschke, der mehr als zehn Jahre Mitglied des Reichstags war und an der Universität über 20 Jahre seine "Politik"-Vorlesung hielt, verstand Politik als Lehre von der Macht und übte auf das politische Denken im Wilhelminismus nachhaltige Wirkung aus.

Als entschiedener Kritiker des autoritär verfassten Kaiserreichs trat hingegen Max Weber auf, der zwar wie sein akademischer Lehrer Treitschke davon überzeugt war, dass Politik in erster Linie mit Macht zu tun hat, aber im Übrigen dessen Kathederdemagogie verabscheute. Weber, der in Bleeks Buch etwas zu kurz kommt, verstand seine Disziplin, die Nationalökonomie, dezidiert als "politische Wissenschaft". Auch nach der Niederlegung seiner nationalökonomischen Professur zeigten seine herrschaftssoziologischen Studien sowie die verfassungspolitischen Schriften der Jahre 1917/1918 und nicht zuletzt seine Lehrtätigkeit der letzten Semester zu "Staatslehre und Politik", welche Bedeutung der politikwissenschaftliche Ansatz für ihn hatte. Daher kann man Bleeks Urteil, dass "für Max Weber ,Politik als Wissenschaft' ein Widerspruch in sich, eine wissenschaftstheoretische Unmöglichkeit" sei, kaum zustimmen. Weber, einer der wichtigsten Wegbereiter der Politikwissenschaft im 20. Jahrhundert, war ein "politischer Professor", der sich für die parlamentarische Demokratie engagierte und an der Ausgestaltung der Weimarer Reichsverfassung Anteil hatte.

Grabenkämpfe und Zerreißproben

In Weimar erlebte das Fach eine Neubelebung, was unter anderem in der Gründung der Berliner "Deutschen Hochschule für Politik" 1920 einen Ausdruck fand. Zu den Lehrbeauftragten, deren Studienleiter der junge Theodor Heuss war, zählten führende Köpfe der Staatslehre: Hugo Preuß, Hermann Heller und Gustav Radbruch. Allerdings konnte man die Hochschule nicht mit einer Universität vergleichen. Sie war, wie Bleek nüchtern konstatiert, "mehr eine Volkshochschule für Gelegenheitshörer als eine akademische Institution". Daher konnte Hermann Heller, der die Volkshochschule in Kiel mitaufgebaut hatte und in Leipzig das Volksbildungsamt geleitet hatte, sich hier wie zu Hause fühlen. Heller verstand seine Staatslehre als "Politikwissenschaft" - man kann nur darüber spekulieren, welche Rolle er in der Nachkriegszeit für das Fach gespielt hätte, wenn er nicht allzu früh, 1933 im spanischen Exil, gestorben wäre.