Einen Krieg gewinnen und den Frieden gestalten - das sind bekanntlich zwei verschiedene Dinge. Ersteres tun Generäle gern; Letzteres betrachten sie eher als Aufgabe für Zivilisten. Und seit die Nato neuerdings Kriege führt, ist das Siegen sogar für deutsche Generäle wieder zur Karriereoption geworden.

Klaus Reinhardt, passionierter Soldat, promovierter Historiker und mehrsprachiger Musikliebhaber, galt früh als eine der herausragenden Figuren seiner Offiziersgeneration. Als im März 1999 der Kosovokrieg begann, der Erste für die Nato überhaupt, war er Oberbefehlshaber der Alliierten Landstreitkräfte Europa-Mitte und schon fast an der Spitze der deutschen Militärlaufbahn. Ein Siegertyp, durchaus.

Doch das Schicksal wollte es, dass andere im Juni den Feind in die Flucht schlugen. An vorderster Front: der amerikanische Nato-Befehlshaber Wesley Clark. Dem 1941 in Berlin geborenen Reinhardt dagegen fiel das Los zu, den Schlachtruf seiner Jugendjahre in die Praxis umzusetzen: Make Peace Not War. Von Oktober 1999 bis April 2000 war er - als erster Deutscher auf einem vergleichbaren Posten - Kommandeur der Nato-Truppen im Kosovo (KFor). Nun hat er sein Tagebuch veröffentlicht.

Das Schlimmste zuerst: Der Verlag hat vor dem Feind gekniffen. Ein paar kräftige Straffungen hätten den knapp 600 Seiten gut getan. Ein beherzter Lektor hätte manche Wendungen des Militärjargons entfernt. Und skurrilerweise werden slawische Eigennamen durchweg serbisiert. Selbst der russische Expremier Tschernomyrdin geistert als Ÿernomyrdin durch die Seiten.

Generäle werden indes nicht zum Schriftstellern gemacht, sondern zum Führen. Dass sich bei dem Gebirgsjäger Reinhardt in diesem Punkt Neigung und Begabung paaren, hatte schon vorher keiner bestritten. Ungewohnt an der Lage im Oktober 1999 war dennoch vieles, auch für ihn. Führen im Kriegsfall hatte man gelernt, zumindest theoretisch. Führen im Nicht-mehr-Krieg-und-noch-nicht-Friedens-Fall, das musste weitgehend neu erfunden werden.

Die Protokolle dieses Lern- und Improvisationsprozesses sind keineswegs frei von Eitelkeit. Und ein Hauch von nicht ganz freiwilliger Komik entsteht, wenn der Befehlshaber anerkennend Journalisten zitiert, deren Informationsquelle mit einiger Sicherheit einen Stern mehr auf der Schulterklappe trug als alle anderen. Doch Reinhardts Schilderungen sind oft eindringlich, manchmal dramatisch, bisweilen sogar anrührend. Die Zustände im geschundenen Nachkriegskosovo konnten selbst einem gestandenen Viersterner die Fassung rauben (wenn auch nur vorübergehend).

So in Mitrovica, der Bergwerksstadt im Norden der Provinz. Dort verhinderten Reinhardt und seine Leute in höchster Not und letzter Minute eine blutige Konfrontation zwischen Albanern und Serben, die, hätte sie auf den Rest der Provinz übergegriffen, womöglich sogar Belgrad wieder auf den Plan gerufen hätte.