Die Frage kommt immer. Manchmal erst am Ende des Besuches, aber sie kommt: Und wie steht es um die Drittmittel? An diesem Tag ist der Präsident in der Mathematikfakultät zu Gast - und groß sind die Summen, die die Mathematikprofessoren außerhalb der Universität bislang eingeworben haben, nicht gerade. "So viel habe ich als Professor allein zusammengebracht", brummt der Präsident und fragt weiter: Wie lange brauchen die Studenten für ihre Diplomarbeiten? Wie sehen die Schwerpunkte der Forschung aus?

Eine Situation wie in der Schule: Einer sitzt vorn und fragt, die anderen antworten aufgereiht hinter ihren Tischen. Oberlehrerhaft wirkt der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, dennoch nicht. Eher erinnert der kleine drahtige Mann mit dem Schnauzer, der den obersten Hemdknopf schon morgens um neun geöffnet hat, an einen Sportlehrer, der seinen Schülern klar machen möchte: Freunde, bis zur Meisterschaft muss hier noch einiges passieren.

Offiziell gibt es keine Meisterschaft deutscher Hochschulen, regiert weiterhin die verordnete Gleichheit. Aber weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist längst ein Konkurrenzkampf entbrannt, welche deutsche Universität in einigen Jahren zu denen gehört, die auch im internationalen Wettbewerb mitspielen können. Geht es nach dem Willen ihres Präsidenten Jürgen Mlynek, dann ist die Humboldt-Universität (HU) eine der aussichtsreichsten Kandidaten.

"Wir wollen und werden mit Oxford und Stanford konkurrieren", sagt er. Weltweit möchte er dafür sein akademisches Personal rekrutieren. Die Betreuung der Studenten soll persönlicher werden und vom ersten Tag an der Uni bis zum ersten Tag im Job reichen. Doktoranden sollen in international ausgerichteten Graduate Schools promovieren. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften möchte Mlynek die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft stärken, die Geisteswissenschaften sollen sich hörbarer in die öffentliche Diskussion einmischen. Aber welcher Uni-Präsident wollte all das nicht?

Dabei entspringen Mlyneks Vorstellungen nicht klugen Kommissionspapieren, sondern seiner akademischen Praxis. Niemand kann dem Physiker vorwerfen, er betreibe Hochschulpolitik, weil er es als Wissenschaftler nicht weit gebracht habe. Studium in Hannover und Paris, zwei Jahre bei IBM, am Ende Ordinarius mit einer Arbeitsgruppe von vier Dutzend Leuten: Ein tadelloser akademischer Werdegang liegt hinter dem heute 50-Jährigen. Er hat viel publiziert, unter anderem in Nature und Science, neun Patente angemeldet und nahezu alle Auszeichnungen eingestrichen, die man als Physiker in Deutschland erhalten kann, inklusive des angesehenen Leibniz-Preises.

Auf seinen Stationen als Wissenschaftler in Kalifornien, Zürich und Konstanz sowie als Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat Mlynek Anregungen zur Erneuerung der Universität gesammelt. Zehn Jahre soll es dauern, bis das Ziel erreicht ist. Dass diese Zeitspanne gebraucht wird, sieht jeder, der den Humboldt-Präsidenten zu den Mathematikern begleitet. Denn Aufbruch liegt nicht gerade in der Luft, wenn die Professoren ihre Lage schildern. Der Lehrkörper sei überaltert; viele von den jungen Professoren, die nach der Wende kamen, seien bereits wieder weg; frei werdende Stellen dürften zum Teil nicht wieder besetzt werden. Zu wenig Räume, zu wenig Personal, zu wenig Geld, so klagen auch die Informatiker an diesem Tag, und man sieht: Von Humboldt nach Harvard ist es noch eine weite Strecke. Viele deutsche Universitäten machen sich deshalb gar nicht erst auf den Weg. Doch vom Kleinmut und von der Larmoyanz, die nach all den Jahren gescheiterter Reformen in hiesige Hochschulen eingezogen sind, will Jürgen Mlynek nichts wissen. "Wir müssen raus aus der Defensive", predigt er, "müssen sagen, wo wir hinwollen."

Humboldt ist wie Coca-Cola