Immer wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Maßkrug her. Jedenfalls in Bayern ist das gewöhnlich so. "Nur a Bier will i hamm, sonst hau i alles zamm", sangen vor 100 Jahren die Münchner Vorstadtkomiker, und "I möcht gern an' Biersee, so groß wie der Schliersee" röhrten sie in der jüngsten Nachkriegszeit. Der Hopfentrunk als Sedativ und Treibmittel im Wechselsang: Gluckernd schaukelt er seine Adepten in rauschige Räusche, und dann schwimmt deren Hirn in der Ursuppe, sie lallen und faseln und halten's für Welterkenntnis, gleiten wie beim Rebirthing in kindliche Phasen, werden allmächtig und fühlen die Ohnmacht.

Seit Jahrzehnten strudelt der Achternbusch in dieser Bierbrühe, spuckt daraus Filme, Bücher, Theaterstücke und Bilder, mal wunderbare Kinderpoesien, mal krauses Zeug. Sein tagtägliches Wirtshaustrinken ist die Regel, die Kunst hingegen überfällt ihn quartalsweise, dann haut er vierzig, fünfzig wildschöne Großbilder auf Kartons und Zeitungsseiten, griechisch-indianisch-buddhistisch, säuft ab und taucht textauskotzend an der Schreibmaschine wieder auf. Schon ist ein Buch voll, schon stehen zwei Theaterstücke vor ihrer Uraufführung. Schon lächeln Zuschauer ratlos.

In Hannover, am dasigen Schauspiel im Ballhof, haben sie jetzt Pallas Athene gezeigt und in München, zum Eröffnungsauftakt der funkelnagelneuen Kammerspiel-Dependance, die Daphne von Andechs, zwei Textwettkämpfe im griechisch-bayerischen Freistil. In beiden Fällen geht's ums Daherfaseln und Dahinhatschen, um Bier, Bollidick und Blädsinn. Also um alles. Nämlich um nichts. Wie Menschen überm Trinken halt so brabbeln, halb in Gedanken, halb im Dunkeln. Gott und die Welt, also Kellnerin und Gasthaus. Völlig wurscht, was da abgehakt und angekratzt, umkurvt, beblödelt und zur Welterkenntnis hochgestemmt wird - die Achternbusch-Stücke der jüngeren Zeit sind bloße Strudeleien in stehenden Gewässern. Um Bewegung vorzugeben, gehen die Redenden hin und her nach alter Peripatetenweise, ziehen ulkige Sachen an und aus, grübeln in sich hinein und wieder heraus und helfen so der Zeit zu vergehen.

Im Ballhof zu Hannover, dem Werkraum des großen Schauspiels, hat der Bühnenbildner Thomas Dreißigacker eine Bierzeltszenerie aufgebaut, man hockt zu sechst an Gartentischen auf Klappstühlen und kriegt ein Weißbier. Zwanzig Tische, um die sich oval außenrum ein Landschaftsprospekt mit Bergen und Gemeinden vom Königssee bis Neuschwanstein zieht. Auf dem Musikpodium wird gespielt, aber auch an der Theke, auf einem Hochstand und zwischen den Tischen. Das hat Anselm Weber recht bierselig arrangiert, und die Schauspieler reden und blödeln und kostümieren sich mit Lust. Alpenkraxler in Lederhosen und Wadlstrümpf, das Weißbier in Hand und Mund, nennen sich Adolf, Blöde Wolke, Herbert, Anita und Pallas Athene, und dann spricht dieser von Griechen, jene vom Samen, der überall rumfließt, und dass es so viele Maier im Telefonbuch gibt. Solche Sachen halt. Wie fast immer im Kasperltheater des Herbert Achternbusch treten Polizisten auf und sind deppert, was sie vom Übrigen nicht scheidet.

Es geht so schön los, so unvermittelt vermittelnd, indem die Kellnerin, das volle Glas auf einem Tisch abstellend, auf einmal Schauspielerin ist und laut fragt: "Was heißt da ,Der Sinn des Lebens'? Wenn man so fragt, dann ist man selbst schuld. Weil ich habe mein Leben und brauche keinen Sinn." Aha, denkst du dir, jetzt bist du mitten im Theater, es geht los. Geht es auch, mit den großen Spinntexten und Fragebohrungen aus Achternbuschs frühen Filmen, wo's ihm noch um die große Kälte auf der Welt, in Bayern zumal und in den Herzen der Liebenden ging. Prolog über den kürzesten Weg von Andechs nach Athen nennt er den Vorspann, und Oda Thormeyer ist eine herzerwärmende Kellnerin Susn, Herbert aber (Sebastian Haase) sitzt genau wie damals in seinem Film Servus Bayern ganz in Weiß, mit weißem Papsthut, vor seinem Weißbier, die Flinte zur Seite, auf einem Hochstand. Ein Vierteljahrhundert ist der Film schon alt, mein Gott, was war der schön!

Geseire und Kalauerquark

Da hatte er was auf dem Herzen, da tat ihm die Seele weh, und sein Gott gab ihm zu sagen, was er leidet. Seither aber verstummt sein Daimon mehr und mehr, und Herbert redet jetzt über die Götter oder allenfalls mit den Göttern, in Tibet, Athen und am Nil. "Unser Dichter", so endet das Buch zum Servus Bayern-Film, "Versuchte auf Grönland zu genesen / Jedoch / Er trank sich zu Tode."Schlimmer noch: Das Packeis legte sich Schicht um Schicht um die einst glühende Seele, und das Bier flutete das weiße Hirn, und nun ist seine ganze schöne Kasperltheaterwut einer Hirnschwurbelverbohrtheit gewichen: Er raunzt und philosophastert hierhin und dorthinaus. Was sich in seinen Prosawerken, auch noch in dem großen von 1997 (Der letzte Schliff), eindrucksvoll liest, weil Assoziationsketten den Leser mit davonreißen und hineinwirbeln in des Dichters Elendswut, das vertrocknet in den Theatertexten der letzten Jahre zu elendem Stammtischgeschwätz, ja zu weinerlichem Geseire und Kalauerquark, der in seinen besten Momenten Valentin streift, nach dem Muster "Nachts ist es kälter als draußen". Da mögen sich die Spieler in Hannover noch so bemühen, sie mögen in roten Plastik-Kanus hereinrollen oder schuhplatteln, grinsende Hallodris sein oder wallende Athenen - es geht an uns vorbei, und wäre das Weißbierglas nicht auf dem Tisch vor uns, wir wüssten nicht, woran uns halten. Im Wirtshaus (so man nicht selbst schon abgesoffen ist) sagte man sich, die reden aber heut wieder einen Wahnsinnsschmarrn zusammen und wechselte den Tisch.