Merkel stellt die Machtfrage

Bei der CDU-Chefin Angela Merkel liegen die Nerven blank, meint zumindest CSU-Generalsekretär Michael Glos. Hatte Merkel doch auf dem Landesparteitag der nordrhein-westfälischen CDU am Wochenende neben Kritikern aus den eigenen Reihen auch "Hiebe von hinten aus den bayerischen Wäldern" scharf kritisiert und selbstbewusst die Machtfrage gestellt. Doch prompt wurde daraufhin aus CDU-Kreisen erneut die Autorität Merkels in Frage gestellt und ein Vorziehen der Kandidatenkür für das Kanzleramt gefordert. "Da war alles drin, was ein Machtwort ausmacht", analysiert ein Kommentar in der "Frankfurter Rundschau" Merkels Rede. "Außer der Macht". Anders schätzt Heribert Prantl den Auftritt der CDU-Chefin ein. "Angela Merkel will es wissen", titelt Prantl seinen Kommentar in der "Süddeutschen Zeitung" und meint darin, Merkels Rede vor dem Parteitag der CDU in Hagen sei eine Rede gewesen, "wie man sie noch nie gehört hat: kämpferisch, aggressiv, furios". Doch Prantl schränkt auch ein: "Man weiß also jetzt, dass sie will. Was sie mit der Partei will, weiß man immer noch nicht". Sicherlich nur das Beste, glaubt Giovanni di Lorenzo. "Angela Merkel ist eine viel zu intelligente Analytikerin", bemerkt der Chefredakteur des "Tagesspiegel" in einem Titelkommentar, "um nicht gegebenenfalls zu erkennen, dass vielleicht ein anderer der Union mehr Halt geben könnte als sie selbst - ganz egal, ob sie aus eigener Schuld oder aus der Schuld von Parteifeinden abdanken müsste." Was aber auch kein so großes Problem sein dürfte, wie "Zippert zappt" in der "Welt" zum Besten bringt: "Die CDU ist zu beneiden. Sie hat bald mehr Kanzlerkandidaten als die FDP Mitglieder."

Nach dem Milzbrandalarm

Mit 'Trittbrettfahrern statt tatsächlichen Funden von Milzbrandbakterien haben die deutschen Behörden besonders in der letzten Woche zu tun gehabt. Allein 30 Päckchen mit weißem Pulver wurden in Schleswig-Holstein gezählt. Alle Päckchen, und auch der zunächst als Anthrax-positiv beurteilte Brief in Thüringen, enthielten harmlose Pulver. "In den USA hat sich die Zahl der festgestellten Anthrax-Infektionen dagegen auf 17 erhöht", meldet die "Welt" heute und zitiert den amerikanischen Präsidenten George W. Bush, der die Milzbrandfälle als eine "zweite Welle terroristischer Angriffe bezeichnet hat. Unterdessen ist in Deutschland eine Debatte darüber entbrannt, ob die Bevölkerung auch schon im bloßen Verdachtsfall eines Anthrax-Fundes informiert werden soll. "Es wäre ein großer Fehler gewesen, zu schweigen", sagt Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel in einem Interview mit der "Welt". "In künftigen Fällen werden wir selbstverständlich wieder so verfahren". Lob für die Arbeit der Behörden zollt auch die "Frankfurter Rundschau" in einem Kommentar: "Nicht nur das Ergebnis, auch das Krisenmanagement selbst erleichtert. Fünf Stunden vom Milzbrand-Alarm bis zur (vorläufigen) Entwarnung, das zeugt [ ... ] von Professionalität und Besonnenheit." Doch was passiert, wenn sich der nächste Milzbrandalarm als echt erweist? "Die Gefahr ist konkret und wahrscheinlicher als zuvor", heißt es ebenfalls im Kommentar der "Frankfurter Rundschau". "Es wäre fatal, fehlten deshalb politische Energie und Ressourcen, um sich ausreichend vorzubereiten, die Folgen eines biologischen Terroranschlages zu beherrschen." Zu Fragen dieser Bedeutung hat "Bild" gerne mal eine besondere Meinung. "Gern profilieren sich unsere Politiker mit Rezepten gegen die Angst", schreibt Gast-Kommentator Hans Olaf Henkel auf Seite Zwei. "Ich bin gespannt darauf, wer jetzt die Rolle des edlen Ritters gegen die Milzbrandgefahr spielen wird."

Bomben ohne Ende?

Vier Wochen nach dem Beginn der Bombardements auf Afghanistan hat der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld erstmals von messbaren Fortschritten beim Kampf gegen den Terrorismus gesprochen. Wie diese Fortschritte aussehen und mit welchen Mitteln sie erreicht wurden, hat Rumsfeld natürlich nicht verraten. Auf der einen Seite formiert sich nun die Kritik gegen das amerikanische Vorgehen immer weiter. Auf der anderen Seite nimmt die Forderung nach Bodentruppen an Lautstärke zu. "Man fühlt sich an den Beginn des Vietnamkrieges erinnert, als sich die USA scheibchenweise in einen Konflikt hineinziehen ließen, aus dem sie schließlich als Verlierer hervorgingen", beschreibt Andreas Bänziger in einem Kommentar für die "Süddeutsche Zeitung" die Situation. Unsicher, was der richtige Weg ist, gibt sich auch die evangelische Kirche. "Die Zahl der zivilen Opfer sei unklar, 'Fortschritte im Blick auf die angegebenen Kriegsziele sind dagegen nicht erkennbar', zitiert Matthias Drobinski in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock. Trotzdem kann sich Kock nicht dazu durchringen einen Stopp der Angriffe zu fordern. Möglicherweise hilft in einer solchen Situation die Annahme, den Terroristen um bin Laden gelänge ein weiterer verheerender Anschlag in einer westlichen Metropole wie dem am 11. September in New York. Wie würden die Bemühungen der Amerikaner dann eingeschätzt werden? Das "Streiflicht" in der "Süddeutschen Zeitung" gibt so etwas eine Antwort darauf: "Jeder kennt die archaische Fabel vom Schafhirten, welcher leeres Geschrei machte, um die Wachsamkeit seiner Nachbarn wieder und wieder zu erproben. Natürlich rührte niemand eine Hand, als der reißende Wolf tatsächlich in den Pferch eindrang."

Kommentare und Anregungen zum Pressebrief sind herzlich willkommen: pressebrief@zeit.de