In Mannheim stürmte ein Räuber in der Nacht zum Montag einen Tankstellen-Shop und bedrohte die Kassiererin mit einem Messer, um sie zur Herausgabe der Tageseinnahmen zu zwingen, lesen wir in der Rubrik "Die Ecke" der "Frankfurter Rundschau". Die mutige Frau ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Sie verwies den Räuber auf die Überwachungskameras und erklärte ihm, wie sinnlos der Überfall sei. Der Räuber hatte tatsächlich ein Einsehen, steckte das Messer weg und bestellte einen Magenbitter - den er auch ordnungsgemäß bezahlte. Geholfen hat ihm der spontane Anfall von Tugendhaftigkeit allerdings wenig. Die Kassiererin verstaute das Geld für den Magenbitter in der Kasse und rief die Polizei. Der Mann wurde verhaftet.

Dies ist eine wahre Geschichte. Und zugleich eine schöne Metapher für das Theater um die "K-Frage" in der Union. Man muss sich nur Angela Merkel in der Rolle der Kassiererin vorstellen. Und Edmund Stoiber, Friedrich Merz oder Wolfgang Schäuble in der Rolle des Räubers. "Machen die Männer Angela Merkel kaputt?", fragt die "Bild" heute in fetten Lettern, "Schäuble hält sich Kanzlerkandidatur offen", titelt die "Süddeutsche Zeitung". Das zweite große Thema ist das Zuwanderungsgesetz, auf das sich SPD und Grüne geeinigt haben. Der "eiserne Otto" braucht nun die Zustimmung des Bundesrates. "Schily wirbt um CDU-Länder", schreibt die "Frankfurter Rundschau". "CDU will Zuwanderungsgesetz stoppen", antwortet der "Tagesspiegel". Die "Welt" und die "tageszeitung" berichten in ihren Leitartikeln über den Krieg gegen den Terror; das "Handelsblatt" beschert dem Sparschwein der Nation eine gute Nachricht: "EU stärkt Eichel im Streit um Konjunkturpaket den Rücken. EU-Kommissar Solbes warnt vor einer vorgezogenen Steuerreform."


Die Union und das Zuwanderungsgesetz

Der Kuhhandel ist perfekt, die Koalition befriedet. "Mit den Verbesserungen im Zuwanderungsgesetz gönnt sich Schily eine kleine Verneigung nach links, mit dem Sicherheitspaket II einen tiefen Bückling nach rechts. Alle politischen Lager können zufrieden sein, konzentrieren sie sich bei ihrer Lektüre auf das ihnen jeweils angenehmere Gesetzespaket", schreibt Eberhard Seidel im Titelkommentar der "Tageszeitung". Nun muss Schily das Zuwanderungsgesetz nur noch durch den Bundesrat bringen. Aber wie werden die unionsgeführten Länder abstimmen? Die Kommentatoren geben unterschiedliche Prognosen ab.

"Inhaltlich könnten einzelne CDU-Landesfürsten zwar dem Koalitionsentwurf schadlos zustimmen; das Konzept eines Peter Müller unterscheidet sich nur um Nuancen", schreibt Vera Gaserow in der "Frankfurter Rundschau". "Politisch jedoch könnte die Union ein Ja nur schwer verkraften; es wäre der Verlust eines verzweifelt gesuchten Wahlkampfthemas und der Verzicht auf ideologische Trennschärfe. Beides wenig entbehrlich in Zeiten, da die Weltpolitik die Opposition in große Anti-Terror-Koalitionen zwingt." Möglich ist jedoch, dass die Union am Ende auch in eine große Pro-Zuwanderungsgesetz-Koalition gezwungen wird. Schließlich sprechen sich mächtige Interessensgruppen für die Annahme des Gesetzes aus. "Hans-Olaf Henkel, der für die Wirtschaft in der Expertenkommission zur Zuwanderungspolitik saß, lobte gegenüber dem Handelsblatt den Kompromiss: ‚Er begünstigt die Zuwanderung nur solcher Fachkräfte, die wir in Deutschland nicht haben.' DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun bezeichnete den Schily-Entwurf gar als ‚Paradigmenwechsel'. Braun forderte von der Union einen übergreifenden Konsens", berichtet das "Handelsblatt". Und in der "Süddeutschen Zeitung" ist auf der Meinungsseite zu lesen: "Mit seinen Zugeständnissen bei der nichtstaatlichen und geschlechtsspezifischen Verfolgung ist [Schily] nicht nur den Grünen entgegengekommen. Er hat damit auch die Kritik der Kirchen an dem Zuwanderungsgesetz entkräftet. Sollten die beiden großen Konfessionen das Zuwanderungsgesetz unterstützen, wird der Druck auf die Union noch beträchtlich wachsen." Das alles macht die Lage von StoiberMerkelMerzMüller nicht einfacher.


Die leidige "K-Frage"

Noch problematischer als die Frage, ob sie dem Zuwanderungsgesetz zustimmen soll, ist für die Union die anhaltende Debatte um die Kanzlerkandidatur. Selbst die "Bild"-Zeitung ist mittlerweile entnervt. "Jetzt reicht es mit den Chaoswochen bei der Union!", zürnt Kommentator Martin S. Lambeck. "Wenn die Union so weitermacht, dann legt sie das Geld für den kommenden Wahlkampf besser in Wertpapiere an. Nur eiserne Disziplin können CDU und CSU noch davor retten, in die Chancenlosigkeit abzugleiten." Eindringlich mahnt Lambeck den CSU-Chef Stoiber, seine Mannschaft zur Ordnung zu rufen und die offizielle Kür des Kandidaten im Februar 2002 abzuwarten.