Kaum ein Politiker nimmt so viel Rücksicht auf seine Kabinettskollegen wie Arbeitsminister Walter Riester (SPD). Grund zur Verärgerung gab es oft genug: etwa, als Verteidigungsminister Rudolf Scharping über neue Sozialhilfekonzepte sinnierte, ohne zuvor mit ihm gesprochen zu haben, oder als Finanzminister Hans Eichel die Regelung der privaten Altersvorsorge vermurkste. Doch vom Arbeitsminister kam dazu öffentlich nie ein böses Wort. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder Riester im Sommer 1998 in sein Schattenkabinett einlud, machte er einen neuen Kabinetts-Teamgeist sogar zur Bedingung. Zu Kohls Zeiten hätten die einzelnen Minister zu oft gegeneinander gearbeitet. Das müsse sich jetzt ändern, sonst stehe er für einen Ministerposten nicht zur Verfügung.

Nun muss Riester sich entscheiden, wie weit er mit der Schonung von Parteifreunden gehen will. Seinen Beamten liegt eine Stellungnahme des Bundesrechnungshofes vor, wonach die Rentenversicherung rund 3,8 Milliarden Mark einsparen könnte, wenn sie Überweisungen an die gesetzliche Krankenversicherung nicht ganz so pünktlich erledigen würde wie bisher. Gut 22 Milliarden Mark überweisen die Rentenversicherer im Jahr an die Kassen für die Krankenversicherung von Rentnern. Nach Ansicht der Rechnungshof-Experten geschieht das im Schnitt sechs Wochen zu früh. Würde Riester ihren Empfehlungen folgen, könnte er einfach eine Monatsrate wegfallen lassen. Das ergibt einen einmaligen Spareffekt von 3,8 Milliarden Mark.

Für den Sozialminister bedeutet das eine heikle Entscheidung. Einerseits braucht er dringend Geld, um den Rentenbeitrag im kommenden Jahr stabil bei 19,1 Prozent zu halten. Deshalb will Riester die so genannte Schwankungsreserve verringern, das gesetzlich festgelegte Finanzpolster der Rentenkasse. Seit Tagen laufen Sozialverbände und Oppositionspolitiker Sturm gegen diesen Plan. FDP-Chef Wolfgang Gerhard forderte gar, "dem Arbeitsministerium die Verfügungsgewalt über die Rentenkasse zu entziehen". Das umstrittene Manöver wäre womöglich gar nicht oder nur in vermindertem Umfang nötig, wenn Riester den Empfehlungen des Bundesrechnungshofes folgt.

Andererseits würde der gleiche Betrag Riesters Kabinettskollegin Ulla Schmidt bei den Krankenkassen fehlen. "Betroffen wären vor allem die Kassen mit vielen Rentnern - und gerade bei denen stehen zum großen Teil sowieso Beitragssatzsteigerungen an", klagt der Gesundheitsausschuss-Vorsitzende Klaus Kirschner (SPD). Er schätzt, dass die Kassen für Überbrückungskredite Zinsen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages zahlen müssten. Auch die Krankenkassen protestieren. In einem Brief an Gesundheitsministerin Schmidt drohen sie unverhohlen mit höheren Sozialabgaben. "Angesichts der ohnehin minimalen Rücklagen und Liquiditätsreserven der gesetzlichen Krankenkassen würde aus einer solchen Regelung weiterer Druck auf die Beitragssätze entstehen", heißt es in dem Schreiben.

Riester zögert deshalb noch. Einiges spricht dafür, dass er sich ausnahmsweise gegen die Kabinettskollegialität entscheidet: Vergleichbaren Empfehlungen des Rechnungshofes in den vergangenen Jahren ist das Arbeitsministerium bisher fast immer gefolgt.