Warum kommen wir aus der Hamburger Ferne auf diesen Vorgang zu sprechen? Gewiss nicht deshalb, weil München die schönste Stadt Deutschlands ist - wie es (nach Thomas Mann) Frank Steffel behauptete, der einmal in Berlin Bürgermeister werden wollte. Sondern weil sie hier ein gewisses Grundmuster politischen Verhaltens zeigt. Es gibt offenbar immer wieder politische Milieus (in einem Dorf, einer Stadt, einem Bundesland, im Bund), die jede politische Kontrolle über sich verloren haben, dass sie nie - oder sagen wir: nur nach sehr, sehr langer Zeit wieder zu Verstand kommen.

Die Münchner CSU zum Beispiel ist seit Jahrzehnten ein nahezu unsanierbares Milieu - voller Postenschieberei und Intrigantentum. Namen wie Gauweiler und Strauß jr. zieren ihren Schild. Und was das Erstaunlichste dabei ist: Jeder weiß, dass die ganze mühevolle eigenbrötlerische Karriereplanerei und parteiinterne Fallenstellerei sowieso für die Katz ist - weil nämlich weder für die Partei insgesamt noch für den ehrgeizigen Streber im Einzelnen irgendetwas herauskommt. Im Gegenteil: Das hinterfotzige Gewusel trägt nur weiter zum Abstieg bei - und das Abstiegsklima heizt das Intrigantentum weiter an. Man steht staunend davor - ob man nun Stoiber heißt oder nicht.

Jetzt versteht man erst recht, welch' ein Segen die Trennung von Partei und Staat ist. Man stelle sich nur einmal vor, wir hätten echte Staatsparteien - und deren Intrigen schlügen unmittelbar auf das Staatshandeln durch. Kaum auszudenken auch für den, der die Verhältnisse bereits heute für mehr als bedenklich hält!

Gut, die Münchner CSU ist vielleicht ein besonders krasser Fall. Aber auch andere politische Formationen haben sich lange gequält, bis sie wieder politikfähig wurden - oft erst nach Generationswechseln, seien sie schroff durchgesetzt oder zäh vollzogen worden. Bezeichnend daran ist und bleibt die erhebliche Widerstandskraft persönlicher Muster in der sozialen Clique gegenüber schlichten Einsichten, die jedermann leuchten (und einleuchten) - sofern er nicht im Klüngel selber steckt.

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