Seit dem 11. September versuche ich, mir einen kühlen Kopf zu bewahren, so weit das geht. Und da hat mich so manches unrealistisches Reden gestört – sagen wir, im weitesten und ungenauesten Sinne: von links. Um es einmal sehr vereinfacht und damit auch etwas verfälscht auszudrücken, in Stichworten: Irgendwie sind die Amerikaner an diesem Terrorismus doch selber schuld, warum sind sie auch Weltmacht, weshalb stehen sie auch an der Seite Israels, warum leistet man nicht mehr Entwicklungshilfe (als ob das Elend in der Welt die Ursache dieses Terrorismus sei), warum greift man zu den Waffen (als ob zu allem entschlossene Verbrecher auf begütigende Worte warteten) ... und so weiter und so fort. Da kann man, ohne zu Illusionen über militärische Aktionen zu neigen, doch ein wenig unruhig werden. Auch (und erst recht) wenn es von Präzeptoren wie Günter Grass oder Ulrich Wickert kommt…

Aber dies alles ist ja noch nichts gegen die Ladung von besinnungsloser Gewaltverherrlichung (und sozusagen anti-intellektueller-intellektueller Denunziationsprosa), die uns in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" zugedacht wird, das heißt von den beiden Herausgebern Kurt Scheel und Karl Heinz Bohrer. Scheel hofft nun, dass die Amerikaner endlich ihr Vietnam-Trauma überwinden. Er spricht von einer "typisch amerikanischen Feigheit" – weil die Amis ihre Boys nicht einfach im Krieg verheizen wollen, sondern stattdessen misstrauisch nach dem Sinn und Nutzen fragen. Und nun müssen die Deutschen mitmachen, wahrscheinlich wohl auch ihr "Auschwitz-Trauma" – oder so was – überwinden, sonst ist "die Berliner Republik moralisch am Ende und wird auch politisch, als souveräner und demokratischer Staat, keine Zukunft haben." Bei Bohrer wird das alles noch ein bisschen verschwiemelter und damit deutlicher: Er beschwert sich darüber, dass unser Land fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg "weder mental noch physisch in der Lage" ist, "sich souverän als politisch-militärische Mittelmacht darzustellen, sobald es ans Essentielle geht." (Genug davon zitiert, es kann dies ja jeder selber nachlesen, müsste es eigentlich – muss es aber eigentlich auch wieder nicht.)

Selten so jelacht – über solchen intellektuellen Salon-Militarismus! Man möchte die beiden Herren geradezu, immerzu fragen: "Wo ha’m Se denn jediiieeehnt!" (Natürlich immer nur auf ihrer Schreibstube. Im Zweifel könnten sie noch nicht einmal ein Luftgewehr sachgerecht bedienen; es würde auch der eklige Pulverdampf und der schroffe Knall ihren ästhetischen Sinn ungut affizieren.)

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich habe mich weder zu einem Gesinnungspazifismus entscheiden können noch zu einer – wie Bohrer das nennt – "Sozialhelfermentalität" bei der Betrachtung des individuellen und gesellschaftlichen Aggressionspotentials. (Aber dieser abwertende Begriff verweist doch wohl mehr auf Bohrers a-soziale Ästhetisierung des Sozialen als auf eine real-empirische Kenntnis des Standes der Sozialhelfer). Trotzdem behalte ich mir immer noch vor, streng analytisch nach Ursache und Wirkung zu fragen (und schon das schließt eine naive, einseitige Weltbetrachtung und Ursachenforschung gewiss aus), auch streng über das eigene Tun und seine möglichen tatsächlichen Folgen nachzudenken, bevor ich handle – ohne dadurch zum "nützlichen Idioten" zum Beispiel des Islamismus zu werden. Aber darüber nachzudenken, das haben die Denker vom Typ Scheel und Bohrer ja nicht nötig; sie können ja – als Intellektuelle – ohne eigenes Risiko "our boys" an ihren Schreibtischen getrost verbal verheizen, so wie das die Osama bin Ladens dieser Welt mir ihren boys – und unseren Leuten – real tun. Sie, diese Intellektuellen sind und bleiben – Schreibtisch-Nicht-Täter …

Also, dass Intellektuelle Intellektuelle als Intellektuelle hassen, wie sich selbst – das ist eine alte Geschichte. Aber dass sie aus lauter selbstverliebtem Selbsthass auch noch die empirische Wirklichkeit dafür hassen, dass sie trivialer ist, widersprüchlicher und letztlich liebens- und lebenswerter, als es sowohl ihre gewalttätigen wie auch ihre ästhetisierenden Widersacher je wahrnehmen – das kommt einem makaber vor. Ebenso makaber wie die Tatsache, dass eine Zeitschrift vom einstmals eminenten Range des "Merkur" zum Forum solcher Mythenhuberei werden musste.

P.S.: Als redaktioneller Empiriker könnte man auf die Vermutung verfallen, die beiden Herrenreiter der Apokalypse hätten ihre Texte noch am Abend des 11. September unter dem unmittelbaren Schock der fallenden Türme geschrieben – und keine Zeit mehr zum prüfenden Nachdenken gefunden, weil der Redaktionsschluss drängte. Aber auch das ist keine Entschuldigung. Denn gerade unter Schock und Stress schreibt man – wie man ist.

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