Schönes Theater! Und mehr als das: Die selbstbewusste Manifestation eines über die Jahrhunderte ungebrochenen institutionellen Selbstbewusstseins: Die graduierten Jung-Akademiker werden zum einen in ihrem eigenen Selbstbewusstsein gestärkt, weil sie etwas geleistet haben und nun einer Auswahl angehören; sie werden andererseits in ihrer Selbsteinschätzung relativiert, weil sie Glied einer Institution (und Gemeinschaft) sind und nicht einfach reichs-unmittelbar zu Gott; Hunderte von Jahren haben andere diese Institution durchlaufen - noch viele hundert Jahre lang werden es andere tun. Auf Latein und unverändert…

Unverändert? Natürlich hat sich Oxford, hat sich ganz England geändert, mit vielen Brüchen und Krisen und manchem Niedergang. Noch vor etwas über hundert Jahren hätte meine junge Verwandte dies alles nicht mitmachen können, nur weil sie eine Frau ist. Auch in Oxford wird viel mit Wasser gekocht - und mitunter ist es wohl nicht so recht sauber. Und selbst die hohe Zeremonie ist manchen eher ein wenig lästig. "Unsere" Dekanin, eigentlich längst eremeritiert und kurz vor ihrem 80. Geburtstag stehend (und wie!), zum Beispiel begründet die Tatsache, dass sie immer noch bei diesen Feiern mitwirkt, so: You know, we have so many Graduation Ceremonies - and it always takes away a Saturday - for my younger colleagues always a day less with their families...

Aber das ist eben das produktive Paradox dieser Zeremonien: Gerade weil sich im Laufe der Zeit so vieles so grundstürzend ändert (und ändern muss), halten diese Rituale eine Gemeinschaft im Wandel dennoch und immer wieder zusammen. So wie manche britischen Kathedral-Chöre stolz darauf sind, dass sie seit - zum Beispiel - 563 Jahren oder so noch nie einen einzigen Evensong haben ausfallen lassen, sei es aus Gründen des Krieges oder des Nachwuchsmangels.

Bei uns - undenkbar!? Nicht nur, weil wir angeblich so viel aufgeklärter denken über die an sich doch so nutzlosen Rituale, sondern deshalb, weil unseren Institutionen so gründlich das Rückrat gebrochen wurde, wenn sie es nicht, wie die deutsche Universität vorgezogen haben, gleich am Anfang der Hitlerei ihr Rückgrat selber einzukrümmen. "Unter den Talaren Muff von tausend Jahren" - so hieß es in der 68er-Studentenbewegung unter Anspielung auf die Talare bei den akademischen Feiern; anfänglich reimte man sogar noch "von hundert Jahren" - aber dann bot sich die Anspielung auf Hitlers "Tausendjähriges Reich" zusätzlich an. Also was war es gewesen: Einfach der Protest gegen alles Alte - oder die Scham angesichts der jüngsten Vergangenheit? Beides in einem - denn das Alte wirkte gerade auf dem Hintergrund der eben zurückliegenden Verbrechen so hohl und unglaubwürdig; zumal noch manche Professoren unter ihren Talaren ihr eigene schlimme Geschichte im Dritten Reich verborgen hielten. Wenn heute einige Universitäten wieder Talare hervorholen oder neu stiften, dann wirkt dies wie eine verlegene Anknüpfung an gründlich Zerbrochenes. Seit fünfhundert Jahren? Man wird wohl sagen müssen: Erst in fünfhundert Jahren wird eine ähnlich feste Tradition neu herangewachsen sein - möglichst auf Latein, wer weiß, ob dann noch Deutsch gesprochen werden wird, incl. des Futurs II.

P.S.: Wie unsere frisch Graduierte das alles empfunden hat? Must not forget to ask her!

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