Seit einigen Wochen liegen dem Weißen Haus und dem Pentagon streng geheime Dokumente zum Afghanistan-Krieg vor, in denen die deutsche Regierung die Grenzen ihrer innenpolitischen Belastbarkeit darlegt: Dem Bündnispartner Amerika wird vermittelt, welche militärische Unterstützung es von Deutschland erwarten darf und welche nicht. Die "uneingeschränkte Solidarität", die Gerhard Schröder den Vereinigten Staaten im Kampf gegen den globalisierten Terrorismus vor dem Bundestag am 12. September zugesichert hat, wird auf der so genannten Arbeitsebene in Gesprächen zwischen den Beamten auf beiden Seiten des Atlantiks in Maßnahmekatalogen konkretisiert. Doch Schröders politische Rückzugsposition, nicht an amerikanischen "Abenteuern" teilzunehmen - zum Beispiel an einem Feldzug mit taktischen Atomwaffen -, gerät in der Öffentlichkeit langsam in Vergessenheit. Zu Unrecht. Schröder wird sie womöglich bald beziehen müssen.

Denn inzwischen wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die bisherige Anti-Taliban-Aktion selbst das "Abenteuer" zu werden droht - auch ohne Ausweitung in den Irak oder den zeitweilig erwogenen Einsatz atomarer Waffen. Die Überraschung der amerikanischen Militärs angesichts des talibanischen Widerstands scheint nicht minder überraschend. Hatten sie die klägliche russische Niederlage in Afghanistan übersehen? Hatten sie vergessen, wer die afghanischen Mudschahidins vor Jahren ausgerüstet und im Umgang mit Stinger-Raketen ausgebildet hatte? Hatte Amerika nicht, unfassbarer noch, den pathologischen Diktator Saddam Hussein vor 15 Jahren mit einem breiten Spektrum von Milzbranderregern wider alle Vernunft beliefert?

Dass auch deutsche Firmen oder Institute, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in den achtziger Jahren gefährliche Bakterienstämme, die sich zur Vorbereitung biologischer Kriegsführung eigneten, in den Irak exportierten, ist ein Skandal, der den Bundestag und vielleicht auch die Bundesanwaltschaft längst schon hätte interessieren müssen.

Bisher wird der Krieg gegen Afghanistan mit britischer Unterstützung als rein amerikanische Militäroperation geführt. Nur spärlich fließen Informationen über den Fortlauf der kriegerischen Ereignisse in die Kanzleien der übrigen Bündnispartner. Das sind schlechte Voraussetzungen, um im Bundestag oder in der deutschen (und der europäischen) Bevölkerung Zustimmung zur "robusten" Interventionsteilnahme einzuholen. Noch im Kosovo-Krieg war die Mehrheit der Deutschen dagegen, Bundeswehrsoldaten auf den Balkan zu entsenden. Sind die Terrorbilder von New York und Washington im kollektiven Gedächtnis Europas erst einmal verblasst - und das geht schnell -, könnte sich die Abneigung gegen einen herkömmlichen Krieg unter deutscher Teilnahme gegen die Taliban durchsetzen.

Eine Regierungsmehrheit zur Entsendung von deutschen Bodentruppen in die Region um Afghanistan käme nach Aussagen von sozialdemokratischen Fraktionsmitgliedern ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl schon jetzt nicht mehr zustande. Der Wahlerfolg der pazifistischen PDS in Berlin gilt den Parlamentariern als Warnung.

Die nächste Solidaritätsprobe im deutsch-amerikanischen Verhältnis steht damit nicht nur der Regierung, sondern dem ganzen Land bevor. Ihre Brisanz könnte diejenige der Nachrüstungsdebatte übertreffen. Die ersten Positionen der Bellizisten sind bereits bezogen: "Eine Ära kriegsähnlichen Daseins bricht an", heißt es im Tonfall Ernst Jüngers in der Süddeutschen Zeitung, und dann geht es weiter: "Nur bei Strafe eines zivilisatorischen Selbstmords" - was immer das sein mag - "könnte das Verbrechen (vom 11. September) ungesühnt hingenommen werden; unsere Pazifisten haben schlichtweg keine Ahnung von dem, was sie verlangen." Letzteres ist Unsinn. Die Frage lautet lediglich, ob und wann Frieden nach dem Anschlag möglich ist. Genauer: Frieden mit wem? Mit den Ruinen von Kabul?

Sollten derlei Fragen im politischen Raum rings ums Kanzleramt nicht gestellt und öffentlich diskutiert werden, droht die Distanz zwischen Deutschland und Amerika wieder zu wachsen. Nur wenige Wochen nach der New Yorker Katastrophe, als in Deutschland Mitleid mit den Opfern und gemeinsamer Zorn auf die Mörder den Ungewissheiten einer militärisch angemessenen Antwort wichen, rückt das alte Thema abermals in den Vordergrund: Wie politisch nah und kulturell fremd zugleich ist uns das machtüberglänzte und zugleich tief verwundete Amerika in der Stunde seiner Krise?