Solche Häuser stehen, wenn sie die Zeitläufte überstanden haben, meistens etwas dumm in der Gegend herum. Denn Handwerker für die Renovierung, auch einen Chauffeur, leisten sich unsere neureichen Besitzer schon mal. Aber täglich vier Gärtner? Köchin, Wäscherin, Zimmermädchen, Nurse? No way! Also wird in den Park ein Appartementhaus gebaut und die Villa an eine Werbefirma vermietet. Ende der feudalen Lebensart.

Im Märchen hingegen kommt ein reicher Königssohn, der das Schloss mit neuem Leben füllt, einschließlich Prinzessin im Bad und spukendem Urahn im Kamin. Manchmal gibt es solche Märchen auch in unserer Realität. Das erkennt man an dem diskreten Marmorschild am Parkeingang. "Hotel Kunze" steht da, "Zufahrt nur für Gäste".

In diesem Fall heißt der Herr Kunze Mister Burns, und er ist so diskret, dass er seiner neuen Villa ihren alten Namen lässt und ihn nur einem winzigen Messingschild anvertraut: Villa Feltrinelli. Die steht in Gargnano am Westufer des Gardasees und wurde vor 109 Jahren von der gleichnamigen Industriellenfamilie als Sommerhaus erbaut. Mister Burns wiederum ist der Hotelier, der die renommierte Regent-Gruppe gegründet hat und ziemlich genau weiß, was westliche Großverdiener brauchen: Luxushotels mit besonderem Flair. Also hat er die alte Villa gekauft und, von den Argusaugen des Denkmalschutzes überwacht, 60 Millionen Dollar für ihre Renovierung ausgegeben.

Das Resultat ist fantastisch. 13 Gästezimmer in einem Hause wie aus einem Krimi von Agatha Christie. Die Türen zur Bibliothek, zum Billardzimmer und zur eigenen Suite öffnet man nur sehr vorsichtig, es könnte ja ein gemeuchelter Hausgast dahinter liegen. Ich habe selten in einem Hotel genächtigt, das so wenig einem Hotel glich wie die Villa Feltrinelli. Clivedon an der Themse ist so eine Antikensammlung (und besitzt ebenfalls ein Cocktailboot für die Gäste, mit dem diese auf dem Fluß herumfahren können wie hier auf dem See).

Der Mythos des Gardasees ist etwas verblasst. In den fünfziger Jahren gehörte ein Anwesen dort zu den Symbolen des Wirtschaftswunders wie heute ein Haus bei Saint-Tropez. Es kann sein, dass das Westufer des Sees wieder schick wird bei den Deutschen, die auch heute noch die Mehrheit der Cabriolets besitzen, welche hier auf der Suche nach einem Parkplatz sind. Denn dieses Ufer ist schöner als die vulgäre Côte d'Azur, vornehmer durch die antiken Villen und dramatischer durch die stolzen Zypressen, diese Wahrzeichen von Böcklins Toteninsel.

Die Industriellen, die sich hier ihre Villen gebaut haben, waren auch neureich. Das Historismus genannte Stilgemisch der Häuser reicht von der Renaissance bis zur Neogotik, mit barocken und orientalischen Einflüssen. Wenn ich auf meinem Bett liege (das Originalbett der Erbauer; es ist 70 Zentimeter hoch und wiegt vermutlich 2 Tonnen; Mussolini hat schon drin geschlafen und wer weiß, wer sonst noch) und nicht sofort die Augen schließe, sehe ich über mir einen hellblauen Himmel, in dem zwischen weißen Wölkchen fünf kleine, fette Engelchen einen Blumenkranz vor der Schwerkraft schützen. Auf all den denkmalgeschützten Tischen, Tischchen und Kleinmöbeln stehen Fotos im Silberrahmen mit den guten alten Verwandten und Bekannten aus den zwanziger Jahren, wie woanders die Jagdtrophäen an den Wänden hängen.

Die Zimmer sind groß, mindestens vier Meter hoch und vollgestopft mit Möbeln, deren ästhetische Bilanz seit Susan Sontag als Camp bezeichnet wird. Aber sie zu ersetzen wurde Mister Burns nicht erlaubt. Nicht einmal die alten Türschlösser durfte er erneuern, sodass die Anfertigung eines Generalschlüssels, wie er in Hotels unerlässlich ist, ein feinmechanisches Problem darstellte, das normalerweise nur von Geheimdiensten gelöst werden kann.