Im Mai 1849 konnte man einen jungen Dresdner Hofkapellmeister auf dem Rathausbalkon erleben, der Reden wider die Obrigkeit hielt. Die Revolution hatte Sachsen erreicht, Richard Wagner machte mit. Robert Schumann nicht. Zwar hatte er zuvor mit der "großen allgemeinen Brandung" sympathisiert und "Freiheitsgesänge" geschrieben, nun floh der 39-Jährige nebst Familie nach Treischa aufs Land.

Nach dem gescheiterten Aufstand wurde Wagner per Steckbrief gesucht, während er seine Kritik am System in den Ring einschmolz, und Schumann erlebte rund um die Revolution seine produktivsten Jahre. Aber einen musikgeschichtlichen Bruch markieren die frühen demokratischen Leuchtfeuer trotzdem nicht - gerade das 19. Jahrhundert entwickelt sich in der Musik in fließenden Übergängen.

Carl Dahlhaus, dem maßgeblichen Musikwissenschaftler der Nachkriegszeit, kam es sogar vor, als habe während der Industrialisierung "der Zeitgeist vor der Musik gewissermaßen Halt gemacht". So hält sich noch immer hartnäckig der Begriff "Romantik" für einen Zeitraum von mindestens hundert Jahren - und man ist dankbar für jeden Versuch, die Wandlungen doch mal zu dingfest zu machen.

Hilft da vielleicht der "Realismus"? Damit meinte man zur Jahrhundertmitte eine Kunst der politischen Stellungnahme oder gar Provokation, wie sie 1851 von Courbets Monumentalbild Die Steineklopfer ausging. Entsetzt registrierten konservative Zeitgenossen, wie hier "die niedrigste Klasse" bei dreckiger Arbeit in einem Format gezeigt wurde, das sonst Mythen und Monarchen vorbehalten war.

Dahlhaus fand zwar, dieser Drang zur Wirklichkeit sei als ein "Muster" in der Musik des späten 19. Jahrhunderts zu erkennen, aber zwischen 1848 und 1871 habe niemand "von der Musik eine Teilhabe an den realistischen Tendenzen der Zeit" erwartet. Ganz falsch, erklärt nun Martin Geck: Rund um die deutschen Aufstände habe es einen "Realismus-Diskurs" gegeben und eine Musik, in der er sich spiegele. Dahlhaus' Irrtum sei "begünstigt durch eine Ideologie, die Musik aus der Politik und die Politik aus der Musik heraushalten wollte". Kein geringer Vorwurf von einem Autor, der sich durch Bücher zur Wiederentdeckung der Matthäuspassion und zur Musik des deutschen Idealismus einen Namen machte. Nun geht es Geck um Musik im Realismus-Diskurs der Jahre 1848 bis 1871.

Da liege ein "gesunkenes, jedoch einstmals prächtiges Schiff", versichert er und belegt, dass von der Musik durchaus "eine Teilhabe an den realistischen Tendenzen" erwartet wurde. "Der politische Ernst der Gegenwart hat die romantische Weltanschauung zu Boden geschlagen", "Der Schauplatz des geistigen Schaffens ist nicht mehr das Ich allein", solche Sätze las man 1848 in den Musikzeitschriften.

Politik im treuherzigen Volkston