Und wieder eine Revolution. "Die Supraleiterrevolution ist da! Widerstand ist zwecklos!", jubelt der New Scientist. Ab November 2001 werden in Detroit, Stadtteil Frisbie, 30 000 Wohnungen mit Strom versorgt, der über eine Strecke von 120 Metern durch einen Supraleiter fließt. Durch ein Kabel also mit einem theoretischen Leitungswiderstand von null: Ein Traum, fast so alt wie Thomas Edison und die Glühbirne, scheint wahr zu werden.

Dass bestimmte Metalle den Strom bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt (minus 273 Grad Celsius) ohne Energieverlust leiten, ist seit 90 Jahren bekannt. 1911 entdeckte der Holländer Heike Kamerlingh Onnes die Supraleitung und erhielt dafür den Nobelpreis. Doch die neue Technologie, die eine mit flüssigem Helium sehr aufwändig produzierte Kälte voraussetzte, weckte allenfalls akademisches Interesse. Spannender, insbesondere für die großen Stromlieferanten, wurde es jedoch im Jahr 1986, als die IBM-Mitarbeiter Georg Bednorz und Alex Müller so genannte Hochtemperatur-Supraleiter (HTS) entdeckten. Hierfür wurden die beiden ebenfalls mit dem Nobelpreis bedacht. Die HTS funktionieren in "hohen" Temperaturbereichen um minus 200 Grad, in denen auch der vergleichsweise billige Stickstoff flüssig ist und als Kühlmittel dienen kann. Es handelt sich um Keramikoxide auf Kupferoxidbasis, im Fall Detroit um das so genannte BSCCO aus Wismuth, Strontium, Calcium, Kupfer und Sauerstoff.

Und dennoch wollte auch die kommerzielle Nutzung der Hochtemperatur-Supraleiter nicht richtig in Schwung kommen. Das bröselige Leitermaterial ist denkbar ungeeignet, in flexiblen Kabeln verarbeitet zu werden. Außerdem traten oberhalb bestimmter Stromstärken doch wieder Leitungsverluste auf, desgleichen im Bereich starker Magnetfelder und noch dazu verstärkt ausgerechnet bei Wechselstrom.

Prototypen von supraleitenden Kabeln entstanden weltweit in den Labors der Elektroindustrie, doch die immensen Kosten (Faktor 20 bis 30 gegenüber hekömmlichen Kabeln) fraßen die erhofften Einsparungen aufgrund geringerer Leitungsverluste wieder auf. Das theoretische Sparpotenzial durch Supraleittechnik beziffern die in Detroit beteiligten Wissenschaftler auf immerhin gut drei Prozent der insgesamt in den Vereinigten Staaten erzeugten elektrischen Energie.

Ein Konsortium unter Beteiligung von Pirelli Cables, American Superconductor, einem Forschungsinstitut und der staatlichen Energiebehörde machte sich trotz aller Widerstände an das 14-Millionen-Dollar-Pilotprojekt. Aufgrund der dreifachen Kapazität der neuen Kabel konnten in Detroit-Frisbie neun alte Kupferkabel von über acht Tonnen Gewicht durch drei Supraleiter von 110 Kilogramm ersetzt werden, genauer, in die Original-Kabelschächte geschoben werden. Ein nicht unbedeutender Nebenaspekt: Steigt der Strombedarf in dicht bebauten Stadtvierteln, muss dank der neuen leis-tungsfähigeren Kabel nicht die ganze Straße aufgerissen werden. Als Leitermaterial wurde BSCCO-Keramik benutzt, die in einem aufwändigen Verfahren mit Silber ummantelt und zu langen Fasern ausgewalzt wurde. Diese Fasern werden um ein Rohr gelegt, das von Kühlmittel durchströmt wird.

Selbst Projektmitarbeiter sind allerdings nur vorsichtig euphorisch. "Die Supraleiter-Kabel sind nicht perfekt", heißt es aus dem beteiligten Electric Power Research Institute. Am unangenehmsten ist die Tatsache, dass Supraleitung nicht zu Wechselspannung passt - die Forscher wünschen sich darum auf lange Sicht Gleichstromnetze. Zweitens existiert noch keine kommerziell nutzbare Kühltechnologie für diese Anwendung. Im besten Fall wird Detroit beweisen, dass Supraleitung grundsätzlich technisch machbar und alltagstauglich ist. Doch als sicher gilt bis jetzt allein, dass diese Technologie auf absehbare Zeit, ökonomisch gesehen, reiner Unfug ist.

Aus diesem Grund hört man auch nichts aus Kopenhagen, der Stadt, in der sich Niels Bohr bis zu seinem Tod 1962 mit der Theorie der Sup-raleitung - vergeblich - herumgeschlagen hat. In Wahrheit fand die "Supraleiterrevolution" nämlich dort, und zwar im Mai dieses Jahres, statt. Seitdem tut ein 30 Meter langes 30-Kilovolt-Supraleiter-Kabel im Distrikt Amager seinen Dienst. Zuverlässig und problemlos. Der dänische Hersteller NKT Cables hütet sich allerdings, den technischen Erfolg an die große Glocke zu hängen. "Das Produkt ist noch nicht im Endstadium und noch nicht marktfähig", meint ein Firmensprecher.

Hochfliegende Pläne hat man allerdings auch in Dänemark. Dank Supraleitung, so teilt NTK Cables mit, könnte es dereinst sogar möglich sein, tagsüber Solarstrom aus der Sahara direkt nach Dänemark zu schaffen. Und nächtens im Gegenzug Windenergie retour. Bis es so weit sein wird, sind aber noch einige Nobelpreise zu vergeben.