Als Bürger beobachtet man natürlich die Außenpolitik weiter mit großem Interesse und ich glaube, dass die neuen Herausforderungen an die Außenpolitik insgesamt - nicht nur an die deutsche oder nicht nur an die europäische – durchaus eine reizvolle Aufgabe sind, aber ich habe meine Zeit gehabt.

Ist es für Sie nicht merkwürdig zu sehen, wie sehr sich die deutsche Außenpolitik in den letzten Jahren verändert hat und wie anders ein deutscher Außenminister heute agiert als Sie das damals getan haben?

Da bin ich mir gar nicht so sicher, ob Sie mit dieser Feststellung, die ja in der Frage liegt, Recht haben. Was sich verändert hat, ist die Welt. Und die Außenpolitik hat auf diese Veränderung zu reagieren und sie zu gestalten, übrigens nicht nur die deutsche, sondern genauso die englische, die amerikanische, die russische, die chinesische Außenpolitik. Das Ende des Ost-West-Konflikts hat die Welt grundlegend verändert und diese neue Weltordnung, die sich jetzt Bahn bricht, will gestaltet sein, wenn es nicht zu dramatischen Verwerfungen kommen soll. Man kann sagen, dass am Ende des 20. Jahrhunderts die Aufgabe europäischer Staatskunst war, Europa so weit zu einigen, wie es geografisch möglich war, also außerhalb des sowjetischen Machtbereichs, und den Ost-West-Konflikt friedlich zu überwinden. Und am Beginn des 21. Jahrhunderts ist es Aufgabe europäischer Staatskunst, die Einheit Europas zu vollenden und mitzuwirken beim Bau einer neuen, gerechten, auf Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung gegründeten Weltordnung.

Als Joschka Fischer ins Amt kam, hatte er ja sehr betont, dass er in der Kontinuität der bisherigen Außenpolitik steht, also auch in der von Ihnen und von Ihrem Nachfolger Klaus Kinkel gestalteten Außenpolitik. Aber nun sind die Rahmenbedingungen ja tatsächlich, wie Sie gesagt haben, völlig anders. Spielt da Kontinuität noch eine Rolle? Ist es so, dass es eine Besonderheit ist, dass nun der Grüne Außenminister Fischer die Außenpolitik betreibt oder hätten Sie eine vergleichbare Außenpolitik betrieben?

Ja, die Rahmenbedingungen – um das noch einmal zu unterstreichen – betreffen ja nicht nur uns, sondern alle anderen Länder, aber es gibt natürlich Kontinuitäten, die auch unverzichtbar sind. Dazu gehört die Mitgliedschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Europäischen Union, dazu gehört die Mitgliedschaft im westlichen Bündnis, dazu gehört das Interesse und auch die Aufgabe Deutschlands, beizutragen, die Teilung Europas in dem Sinne zu überwinden, dass unsere östlichen Nachbarn zum Beispiel Mitglied der Europäischen Union werden können, dass das Verhältnis zu Russland qualitativ weiter verbessert wird. Diese Kontinuitäten bleiben. Und es kommen neue Herausforderungen hinzu, wie etwa die Gestaltung der neuen Weltordnung, was unter den Gesetzen des Kalten Krieges nicht möglich war, was aber jetzt ein dringliches Gebot ist und wo man zunehmend feststellen muss, dass die elf Jahre seit Ende des Kalten Krieges – wenn ich einmal das Jahr 1990 als Ende des Kalten Krieges bezeichne – nicht in der ausreichenden Weise genutzt worden sind wie das geboten gewesen wäre.

Ich nehme einen konkreten Punkt: Der Golfkrieg vor gut zehn Jahren. Zu der Zeit waren Sie Außenminister und damals hat man geschrieben, zum Teil auch als Vorwurf, Hans-Dietrich Genscher als Außenminister betreibe eine "Scheckbuch-Diplomatie". Das heißt, der Anteil Deutschlands an dieser Auseinandersetzung bestand vor allem im Finanziellen, im Wirtschaftlichen. Davon, hat ja auch in seiner Bundestagsrede Gerhard Schröder als Bundeskanzler gesagt, müssen wir uns völlig verabschieden. Würden Sie heute sagen, in dieser Konfliktsituation der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus, jetzt reicht es nicht, dass die Deutschen eine Sonderrolle spielen und Wirtschafts- und Finanzhilfe leisten, sondern wir müssen uns aktiv beteiligen, notfalls auch mit der Bundeswehr?

Eine Sonderrolle haben wir auch damals nicht gespielt, aber man muss doch – wenn Sie das schon ansprechen – noch einmal die Lage damals betrachten. Erstens war die Bundeswehr auf einen Einsatz in der Golfregion gar nicht vorbereitet, selbst für die Stationierung von Streitkräften der Bundeswehr in der verbündeten Türkei mussten Transportflugzeuge von der Sowjetunion angemietet werden. Also Ausrüstung und Ausbildung der Bundeswehr, die damals Bündnis- und Heimatverteidigung als identische Aufgaben hatte, waren wenig vorbereitet. Im übrigen war, was einige Heißsporne aus jener Zeit vergessen haben, die deutsche Einheit im Sinne einer Ratifizierung des Zwei-Plus-Vier-Vertrages im Januar 1991 noch nicht vollzogen. Der Oberste Sowjet hat nach schwierigen Auseinandersetzungen erst im März zugestimmt. Das waren völlig andere Rahmenbedingungen. Ich bin der Meinung, dass die Politik, die die gegenwärtige Bundesregierung macht, nicht zu beanstanden ist, sondern ich habe wiederholt öffentlich gesagt, dass die Regierung sich hier richtig verhält.