Sie hätten bereits vor einer Stunde den Feinmechaniker bestellt. Der Fehler werde gewiss jeden Augenblick behoben. Man sieht dem dunkelhäutigen Portier des Berliner Hotels an, dass er diese Antwort heute Morgen schon ein paarmal gegeben hat. Hinter ihm über der Rezeption hängen fünf Uhren auf einer Weltkarte. Die Uhren geben Ortszeiten von New York, Tokyo, London, Johannesburg und Berlin an. Ausgerechnet die Berliner Uhr geht auffällig falsch. Es ist nicht zehn vor neun, sondern gleich halb zehn. Die Assoziation lässt sich nicht verhindern: coloured people time. So nennen Afroamerikaner in den USA das Zeitempfinden ihrer Kultur im Gegensatz zum Richtmaß der white people time. Coloured people time - CPT - könnte zu Deutsch heißen: In der Ruhe liegt die Kraft. Wir sind ja im Ostteil Berlins. Schon stellt sich das Gefühl ein, die Uhren gingen hier eben immer noch anders. Nach wie vor dauert alles ein bisschen länger, vom Auftragen eines Pfefferminztees bis zur Ankunft des Taxis. Deshalb steht man schließlich unverhofft eine Weile auf der Straße und fährt mit gegen das Streulicht geduckten Blicken die benachbarten Glas- und Stahlfassaden auf und ab. Entrückter Glanz ringsum, erste und zweite Moderne sind eine hybride Verbindung eingegangen, das hier ist doch Ostberlin und nicht Boston, denkt man, und dass solch entrückter Glanz früher den Ausruf provoziert hat: Sieht aus wie im Westen!, während einem inzwischen angesichts makelloser architektonischer Innovation im Westen schon einmal der Gedanke entfährt: Sieht aus wie im Osten!

Aber ein paar Schritte weiter, inmitten neuer Pracht, steht wacker das heimelige Arrangement von gestern. Das Gebäude gehört dem russischen Staat und dient kultureller Präsenz aus dem einstigen Lande Lenins. Im Foyer riecht es plötzlich wie am Jaroslawsker Bahnhof, der Pförtner versieht vermutlich seit Eröffnung des Hauses vor 17 Jahren - damals der Pflege deutsch-sowjetischer Freundschaft geweiht - sein Amt, der Fahrstuhl, in vertrautes Sprelacart gekleidet, bebt bei Anfahrt heftig auf und ab, Unsicherheit kommt auf, ob es nach oben geht oder in schwarze, labyrinthische Keller, und schließlich doch oben angekommen, öffnen sich Türen aus Spanplatten, dahinter prangen Teppiche usbekischer Knüpfkunst an den Wänden, die Plastikdeckenverkleidung hängt an manchen Stellen müde herab, und in den Falten der Dederon-Stores raschelt eine zu Ende gegangene Epoche.

Uhren gehen überall einmal nach, Gebäude wie dieses gibt es auch in Hamburg oder Zürich, aber hier, in der Friedrichstraße, der glitzernden Straße zum Besten, einer Zukunftsavenue für glotzäugige Touristen aus Schweinfurt und Esslingen und ins Handy vertiefte Bundesangestellte, hier hat alles seine Signifikanz. Wir sind schließlich im Osten, wo der Osten sich selbst abgeschüttelt hat. Und seine Leute. Denn aus Friedrichshain oder Treptow oder gar Marzahn kommt man hier eigentlich nie her. Die Uhren von Berlin Ost gehen anders, und seine Menschen bleiben woanders. So das Klischee. Die Ostdeutschen hätten sich immer noch nicht an den neuen Takt gewöhnt, der Aufbau Ost hätte längst seine Vehemenz verloren, auf den kleinen Fortschritt seien viele Rückschritte gefolgt, das Diktum von blühenden Landschaften habe sich in einer seltsamen Kunstblüte erfüllt, die Menschen hier, die anfangs auf der Straße so heftig Freiheit und Marktwirtschaft gefordert hätten, säßen, sofern sie nicht in den Westen auswandern, nun enttäuscht daheim und brummelten verdrossen ihre Ressentiments gegen die neue Zeit vor sich hin, schluckten den Einheitsfrust mit Köstritzer und Vita Cola runter, rauchten dazu eine F-6, ihre Kinder bearbeiteten die Zähne wieder mit Putzi-Creme, und zum Frühstück würde Burgerknäcke serviert. Die Ostdeutschen seien pathologische Nostalgiker.

So die Projektion und oft auch die Selbstprojektion. Ein Politologielehrer aus Frankfurt/Oder, der als hervorragender Kenner der Szene gelten soll, erkannte in dieser Zeitung vor ein paar Monaten an jenem Menschenschlag sogar den "atomisierten Menschen ohne Geschichtsbewusstsein und überlieferte Wertesysteme, ehrfürchtig den Staat anbetend, der seine Existenz sichert und sein ganzes Leben organisiert": den Homo sovieticus. Es herrscht tatsächlich allgemeine Ratlosigkeit, vor allem im Westen. Da haben sie doch nun alles gekriegt, was sie wollten, die Freiheit und die D-Mark und die Marktwirtschaft, man hat sich Mühe gegeben mit ihnen, hat ihnen Zeit gegeben, sich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen, hat Nachsicht gezeigt und Solidarität, als die aus der DDR geerbten Kalamitäten in Wirtschaft und Umwelt immer monströser zutage traten, hat gezahlt und gezahlt, und nun diese hemmungslose Nostalgie, und die Leute sind unzufrieden. Das Land steht auf der Kippe. Das paradoxe Verhalten, erst frenetisch nach der Einrichtung des Westens zu verlangen und, nachdem sie da ist, sich einer überspannten Sehnsucht nach der einstigen, doch eigentlich dürftigen Idylle zu überlassen, wurde schon in den frühen neunziger Jahren als Gegenwartsverweigerung interpretiert und hat helle Empörung aufflammen lassen. Bald nahm diese Empörung der hypotrophen Nostalgie das N, um der Einmaligkeit solchen Verhaltens und solcher Undankbarkeit einen signifikanten Ausdruck zu verleihen.

Dem ewig Neuen ausgeliefert

Das Klischee trifft zu, lässt aber einen entscheidenden Zusammenhang dunkel. Nostalgie ist ein starkes zeitgemäßes Gefühl, aber nicht nur in der ehemaligen DDR. Ostalgie ist vielleicht nur die deutlichste Erregung eines Unbehagens, dessen Ursachen und dessen verstärkte Verbreitung - auch im Westen - im sozialen Umschwung der neunziger Jahre liegen. Der krasse Wandel aller Lebensumstände evozierte im Osten Deutschlands und wohl überhaupt im Osten Europas eine Inflation des Neuen, die in mäßigerem Tempo allerdings auch über den Westen hereingebrochen ist. Wer im Abstand von einigen Jahren Städte in Sachsen, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern besucht, erkennt sofort das Ausmaß der Veränderungen. Nach elf Jahren sind die Innenstädte von Erfurt oder Schwerin nicht wiederzuerkennen. Immer neue und wieder erneuerte Autobahnen nehmen unermessliche Verkehrsströme auf, jeder Haushalt verfügt über die trendigsten Kommunikationsmittel, Universitäten und Theater werden mit neuester Betriebstechnik ausgestattet, innovative Industrien etablieren sich und schaffen wenige, aber edle Arbeitsplätze. Die Ruinen der DDR sind planiert, der Dreck des Sozialismus ist fortgekehrt. Die Jahre nach 89 lassen sich als ein akzelerierter Zeitraffer begreifen: Buchstäblich wurde die Hardware einer Epoche - in Gestalt halb verfallener Urbanität - weggerafft. Zunächst konnte die Angleichung nicht schnell genug gehen. Die Stunde schien gekommen für eine generelle Entsorgung der Vergangenheit. Tatsächlich ist, so gesehen, die DDR verschwunden und die Einrichtung des Westens vollzogen. Mit nachträglich erschütterndem Tempo der totale Szenenwechsel. Stadtansichten von Chemnitz und Hagen, Erfurt und Nürnberg bieten sich zum Vergleich an, und der Osten schneidet dabei in der Regel besser ab.

Doch hinterlassen Restauration und Innovation einen zwiespältigen Eindruck. Der Geruch von Farbe, die Buntheit der Fassaden lassen die Patina gelebter Urbanität vermissen. Die Städte, das Land überhaupt, sie erzählen immer weniger über die Vergangenheit, aus der ihre Bewohner gekommen sind. Grauer Rauputz, Sprelacartwände, Dederon-Gardinen, der Gestank von Auspuffgasen und verbrannter Braunkohle, das war nicht schön, aber es bildete die wenn auch triste Aura eines Lebens, von dem man sich hastig und endgültig verabschiedet zu haben glaubte und das nun seinen Erinnerungsanspruch geltend macht. Der Druck der Innovation, die permanente Aufforderung, umzudenken, Vertrautes wegzuwerfen, Risiken zu wagen, flexibel zu sein, werden durch Gegenwartsverweigerung kompensiert. Verschwindigkeit, so könnte man das Phänomen dieser Verluste beschreiben, produziert Nostalgie. Sie ist eine aus der Asymmetrie der Zeit aufkeimende Protestregung und nährt einerseits eine ins Nichts unwiderruflich verlorener beziehungsweise abgestreifter Vergangenheit gehende Sehnsucht und andererseits die Skepsis gegenüber einer terroristischen und das Leben als ständige Veränderung dekretierenden Zukunft.