Seit die Medien mit dem 11. September in ihrem Wirklichkeitsimperium empfindlich geschwächt wurden, zeigen sie lieber Bilder, auf denen nichts zu sehen ist. Grünes getupftes Nichts. Und außer dem Bomber fällt uns dazu nichts ein. Unsere Fähigkeit zur Imagination ist begrenzt. Doch aus Amerika, hört man, droht Rettung. Präsident Bush hat sich an Hollywood gewandt und eine Sondereinsatzgruppe für Kunst und Unterhaltung gefordert. Man sieht schon eine »Saving Private Ryan«-Trilogie heranrollen, in der ein sagenhaft toleranter Ryan lächelnd, aber das MG im Anschlag, ins Arabische zieht. Amerikanische Frauen mit viel Haut und Seele muntern tapfere Recken auf und bekehren auch beherzt Terroristen. »See what the boys in the backroom will have.« Aber da ist der Haken: Wer sind denn heute die Jungs im Hinterzimmer, und welches Frauenmodell überzeugt auch die arabische Welt? Auch den Amerikanern fällt dazu offenbar nichts Besseres ein als ihre Erinnerung. Man hat eben Filme wie »Torpedo Boat« und »Wake Island« aus dem Zweiten Weltkrieg im Kopf, in denen noch heldenhaft gesiegt werden kann und Soldatenwitze verpönt sind. Das ist so beruhigend und enttäuschend wie ein Museumsbesuch.

In der Ausstellung im Filmmuseum am Potsdamer Platz, die anlässlich von Marlene Dietrichs 100. Geburtstag gerade eröffnet wurde, sieht man - Hüllen von ihr: Galakostüme, an sie gerichtete Briefe, ein Paar rote Hausschuhe. Das alles ähnelt in seiner Vagheit den grünen Tupfern auf dem Bildschirm. Doch wenn wir die ausgelatschten Hausschuhe nur lange genug anstarren, steigt Marlene daraus umso strahlender hervor. Da schreitet sie noch immer durch Herden von GIs und singt und singt. Die Welt bekommt ein Antlitz, der Krieg auch.

Schon deshalb wollen wir an der amerikanischen Lösung teilhaben! Und da Deutschland immer mit »ungeheurem Seelengeräusch« (Tucholsky) in alles gerannt ist, was aus Amerika oder Russland kam, und Amerika und Russland ja jetzt eins sind, besteht sogar Hoffnung. Demnächst sehen wir vielleicht Katja Riemann und Hugh Grant in einem Antiterrorfilm von Vilsmaier. Die Riemann reitet leicht verschnupft auf einem Nato-Bomber, in einem schlecht sitzenden Dietrich-Kostüm, aber überzeugend in der Pose der Kolchosbäuerin aus Scholochows »Neuland unterm Pflug«. Glücklicherweise lebt auch Billy Wilder noch, der der Dietrich einst so angenehm gelassen schrieb: Es ist ja nur ein Film, Frau Doktor, »relax!«