Die Regie hat das Drama der Rückkehr als Mehrakter inszeniert: nach der Exposition erster Gerüchte die Neugier auf Weiteres. Nach Ansprüchen ohne Gewähr verstreute Szenen rund um den Hofstaat. Nach diversen Rankünen dann die eigentliche Königshandlung, in welcher der Held aus den Kulissen tritt und die Machtfrage stellt.

Invincible(Sony) heißt die neue CD, die Michael Jackson den verwaisten Thron eines "King" zurückerobern soll. Jahre eilte dem Werk die Kunde im Internet voraus, seit Monaten läuft die Kampagne, bis zur letzten Sekunde versorgte eine "Hotline" die Öffentlichkeit mit Wissenswertem. Ein Überalbum, vermeldet Sony. Ein Geniestreich, versichern die Produzenten. Irgendwann freilich müssen auch Könige sich an ihren Taten messen lassen. Der letzte Akt sieht die Ankunft in den Handelsfilialen vor. Jetzt muss bloß noch das Volk akklamieren.

Nicht dass ihm Grund zum Protest geboten würde. Das Album verfügt über sämtliche Qualitäten, die ein Jackson-Produkt auszeichneten: gefühlige Balladen in gehobener Zimmertemperatur, prachtvolle Dancefloor-Epen, die von Siegeswillen und Unzerstörbarkeit künden. Die 30 Millionen Dollar, die in die Herstellung geflossen sein sollen - von der teuersten Pop-Platte aller Zeiten geht die Rede -, wurden in Gimmicks und Kleinstfinessen angelegt. Wenn ein einzelner Conga-Klang sich aus dem Hintergrund löst, klingt das nach einer Riesenträne, die auf einem Gebirgssee zerplatzt. Und wenn Jackson im Soul-Falsett von Schmetterlingen singt, lässt ihr digitaler Flügelschlag das Lied erzittern.

Kein Wunder, dass die Credits der einzelnen Titel sich lesen wie der Nachspann eines Hollywood-Films. Jeder Beitrag zur Verbesserung des Guten ist penibel vermerkt, vom kleinsten Sound-Detail bis hin zur soliden Konstruktion einer Basslinie. Nur die Besten der Besten sind übrig geblieben, viel gefragte Klangingenieure wie Teddy Riley und Rodney Jerkins. der den Altmeister Quincy Jones in der Rolle des Königsmachers abgelöst hat. Jackson hat sie weniger aus Neigungsgründen engagiert denn als Innovationsgaranten, als Ankermänner fürs jüngere Publikum. Hinter dem Triumph des Machbaren ist die Angst nicht abzuschütteln, dies könnte am Ende doch nicht die Quadratur des Pop sein, die Vollendung, die allein allen Ansprüchen genügt.

Es sind ja auch wirklich keine guten Zeiten für Großartisten. "Könige" hat Klaus Theweleit sie genannt, weil sie in Mediengesellschaften an die Stelle erblicher Dynastien getreten sind. Sie füllen die Leinwand, die die neuen Techniken ihnen bieten, weil sie ein Gespür für deren Potenziale mitbringen. Sie finden den neuen Sound, das unerwartete Bild und wachsen daran. Hält der Erfolg an, gehen die einmal etablierten Produktionsbeziehungen in die Gründung eines Kunststaates ein, der im Falle von Elvis Presley Graceland hieß und bei Michael Jackson Neverland heißt. Ein Zufall ist es nicht, dass der "King of Pop" auf der Ranch gleichen Namens die Tochter des toten King ehelichte.

Jacksons Aufstieg fällt in die Zeit der aufkommenden Cross-over-Phänomene und Medienverschaltungen. Vor allen anderen brachte er Soul, Rock und Disco im High-Tech-Studio zusammen. Er holte die schwarze Musik noch weiter in die Mitte. Vor allem aber kombinierte er die Tonspur mit Bildern für das aufkommende Musikfernsehen. Billie Jean war das erste Video eines schwarzen Künstlers, das auf MTV lief. Längst ein Klassiker - der 14-Minuten-Kurzfilm zu Thriller mit seinen Teenage-Werwolf-Fantasien. Das 1982 erschienene Album zum Video zum Song definierte den Mainstream neu.

Seither gilt aller Einsatz der Überbietung einer Marke, die so kaum noch einmal zu erreichen sein wird, weil die Voraussetzungen dafür nicht mehr existieren. Längst ist das Reich, das seinerzeit von wenigen Superstars beherrscht wurde, in eine Vielzahl von Kleinstaaten zerfallen. Selbst MTV hat sein Programm in Spartensendungen für Spartengucker aufgeteilt. Inmitten hochgerüsteter Individualisten und marodierender Stämme auf den totalen Konsens zu setzen heißt, einen Feldzug mit den Mitteln der Achtziger zu führen.