Die Decke des Tunnels ist kohlrabenschwarz. Eine dicke Rußschicht verklebt das Betongewölbe. Hier muss ein höllischer Brand gewütet haben. Auf der Fahrbahn liegen die Reste verkohlter Reifen, darüber erhebt sich gespenstisch das Skelett eines ausgebrannten Lastwagens.

Nicht nur einmal, rund dreißigmal ist hier in der Mitte des 200 Meter langen zweispurigen Autobahnteilstücks zwischen März und August 2001 ein Feuer ausgebrochen, hat den Tunnel in eine Hölle verwandelt. Doch kein einziges Mal kam ein Mensch zu Schaden. Die Lunte wurde absichtlich gelegt, der mit Holz voll gepackte 40-Tonnen-Laster angezündet, um zukünftig die Zahl menschlicher Opfer bei Tunnelbränden wie dem im Gotthard zu verringern.

Im Versuchsstollen Hagerbach in der Ostschweiz zwischen Sargans und Flums werden Katastrophen zu Testzwecken inszeniert. 4500 Meter Tunnel wurden hier aus dem Fels des Gonzen gesprengt, ohne dass je eine Verkehrslawine durchrollen wird: Es ist ein weit verzweigtes Labyrinth aus kleinen Stollen, Schächten, hohen Kavernen, Werkstätten oder im Maßstab eins zu eins ausgebauten Straßen- und Eisenbahntunnelabschnitten. Tag für Tag wird hier gesprengt und gebohrt. Neue Betonmischungen werden zur Prüfung der Hitzeresistenz an die Gewölbedecke gekleistert. Was im Tunnelbau dereinst Anwendung finden will, erlebt hier seine Feuertaufe.

In den High-Tech-Labors unter Tag testen Wissenschaftler immer neue Materialien. Sie lassen Tunnelauskleidungen im Schnellverfahren altern oder traktieren sie über Jahre hinweg mit Feuchtigkeit, Kälte, Hitze und Säuren. Sogar noch Größeres ist geplant: Mit 100 Millionen Mark soll in der Schweiz das europäische Brandschutzzentrum gebaut werden. Der Versuchsstollen Hagerbach ist dabei in der engeren Standortauswahl.

Die 200 Meter Autobahntunnel hat die österreichische Firma Aquasys aus Linz bauen lassen und gemietet. In ihrem Auftrag brennen hier voll beladene Lkw. Ein letztes Mal wird am 26. November ein Laster in Flammen aufgehen, erneut vor den Augen amtlicher Prüfer. Videokameras, hoch sensible Messgeräte und die Feuerwehr aus Flums werden die Feuersbrunst überwachen. Danach, so hofft der Ingenieur Georg Reichsthaler, werden der Verband der Sachversicherer in Köln und das österreichische Institut fürBrandschutz und Sicherheitstechnik das System zertifizieren. Erst dann wird offizieller Stand der Technik sein, was bei den verheerenden Tunnelbränden der letzten Jahre - im Mont Blanc, im Tauern und vergangene Woche im Gotthard - die Zahl der Todesopfer drastisch reduziert hätte.

Der Stoff, mit dem die Österreicher Menschenleben retten wollen, ist Wasser. Das klingt lapidarer, als es ist. Denn beim System von Aquasys handelt es sich nicht um eine herkömmliche Sprinkleranlage. Der Clou: Zahlreiche Düsen sprühen im Brandfall das Wasser als dichten Nebel aus der Tunneldecke. Da die Oberfläche des Wassers umso größer ist, je kleiner die Tröpfchendurchmesser sind - in diesem Fall 50 bis 60 Mikrometer -, verdampft das Wasser effizienter und absorbiert dabei mehr Energie als bei klassischen Systemen. Da außerdem jedes der Milliarden kleinster Tröpfchen als Reflektor wirkt, prallt die Strahlungsenergie am dichten Nebel ab: Die Hitze bleibt am Brandherd.

Nebelmacher Reichsthaler macht noch eine weitere Rechnung auf: Beim Verdampfen wird ein Liter Wasser zu 1675 Liter Wasserdampf. Die enorme Expansion verdrängt den Sauerstoff. Das vernebelte Feuer wird damit zwar nicht ganz erstickt, aber eingedämmt. Die Nebelwände sollen auch den gefährlichsten Killer im Tunnel an der Ausbreitung hindern: den Rauch.