Nächstenliebe ist eine warme und ergiebige Quelle, aber sie sprudelt nicht immer gleich stark. Spenden für die Opfer der schrecklichen Terrorangriffe in den Vereinigten Staaten und für die Flüchtlinge in Afghanistan fließen derzeit mehr als reichlich. So war es immer nach verheerenden Katastrophen. Die Bilder von überschwemmten oder eingestürzten Häusern, von Toten und Verletzten öffnen die Herzen der Menschen - und ihre Portemonnaies. Ein Gefühl des Helfenwollens verbindet sich dann mit der Erfahrung, wie relativ unwichtig materieller Reichtum ist. Alles kann so schnell vorüber sein ...!

Allein das Deutsche Rote Kreuz verbuchte im Jahr 1999 Spendeneinnahmen in Höhe von 188 Millionen Mark. Da waren das Hochwasserunglück an der Oder, die Flut in Mosambik und das Erdbeben in Indien. Im Jahr davor flossen nur 78 Millionen und 2000 sogar nur 66 Millionen Mark. Ein mühsames Geschäft. Und dennoch:

Der Markt für das Gute und Gemeinnützige wird in den kommenden zehn Jahren schneller wachsen als die Wirtschaft insgesamt. Allein zwischen 1991 und 2000 sind hier wieder fast eine halbe Million zusätzlicher Arbeitsplätze entstanden. Die Wertschöpfung hat in dieser Zeit um rund 50 Prozent zugenommen, doppelt so viel wie in der gesamten Wirtschaft. Und die Expansion soll laut Prognos bis 2010 anhalten (siehe Grafik). Immer mehr Organisationen und Unternehmen haben dort ihre Aufgabe gefunden und fast zwei Millionen wohltätige und bezahlte Arbeitsplätze geschaffen. Die Caritas, die Hilfsorganisation der katholischen Kirche, ist mit ihren 500 000 hauptamtlich Beschäftigten der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Das evangelische Diakonische Werk hat 450 000 Menschen auf der Gehaltsliste und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) 75 000. Hinzu kommen Kirchen, kulturelle und wissenschaftliche Organisationen, Industrie- und Handelskammern, Vereine oder Stiftungen. Insgesamt 20 000 gemeinnützige Vereine sind registriert und fast 80 000 Institutionen, von denen aber nur 2500 überregional agieren, wie die Gesellschaft für Sozialmarketing in Bad Honnef angibt.

Viele von ihnen verkaufen ihre Leistungen nicht gegen Geld an den Markt. Sie sind auf Wohltaten angewiesen, auf Spenden, Mitgliederbeiträge, Gestiftetes, Zinsen aus ihrem Vermögen oder Zuwendungen von staatlicher Seite. Ihre Leistungen sind für die Gesellschaft wertvoll und oft unverzichtbar. Ohne sie müsste der Staat noch mehr Aufgaben wahrnehmen als bisher - oder sie fielen ganz unter den Tisch. Insofern sind sie ein Teil unserer Wirtschaft, aber eben ein ganz besonderer.

Mehr als 10 Milliarden Mark jährlich, so viel spenden die Deutschen - schätzt man. Ein Viertel davon fließt zur Weihnachtszeit, wenn die Mildtätigkeit ihr saisonales Hoch erreicht. Da weht noch ein bisschen vom Geiste Tetzels und des Ablasshandels nach. "Sobald das Geld im Kasten klingt ..." Oder sind es Sorge oder gar Angst vor einem sozialen Beben? "Reichtum ohne soziale Verantwortung", sagt Augustinus Henckel-Donnersmarck, Pater und Management-Guru, "führt direkt in die soziale Katastrophe." Vier von zehn Bundesbürger geben etwas für humanitäre Hilfe, Umweltprojekte und vor allem den Tierschutz.

Eine weitere Quelle mildtätigen Geldes sind immer häufiger die Übereignung großer Vermächtnisse und die Gründung von Stiftungen. Von den fast 9000 in der Datenbank des Maecenata Instituts in Deutschland erfassten Stiftungen nennen ein Drittel bis die Hälfte soziale Zwecke wie Jugend- und Altenhilfe, Wohlfahrtswesen oder einfach mildtätige Zwecke als Ziel ihrer Arbeit. Wie viel Geld über die Großstiftungen hinaus eingenommen wird, kann keiner auch nur schätzen. Ihre Bilanzen sind ebenso undurchsichtig wie die Klingelbeutel in den Kirchen. Das "gute Geld" scheint die gläsernen Kassen nicht zu mögen.

Ein Vielfaches der Geldspenden machen allerdings die Millionen von Stunden aus, die ehrenamtliche Helfer und Helferinnen opfern, um anderen Menschen beizustehen, sie zu pflegen, sie zu beschäftigen oder sie zu unterstützen. 1998 wurden diese Stunden mit mehr als 60 Milliarden Mark bewertet.