Peshawar/Shamshatoo

Die Sicherheitsberater von US-Präsident George Bush hätten an Mirza Khan ihre Freude: Er ist Afghane vom Stamme der Paschtunen, aber er ist kein Anhänger der Taliban

er ist muslimischen Glaubens, aber nicht radikal

er stammt aus Kabul, und er ist im kampffähigen Alter. "Genau diese Leute brauchen wir, um die Taliban zu besiegen" - so ähnlich dürften die Strategen im Weißen Haus argumentieren. Doch das ist der Blick vom Schreibtisch, die Wirklichkeit sieht anders aus.

Mirza Khan lebt längst nicht mehr in Kabul. Vier Tage nach dem Beginn des Bombardements flüchtete er nach Pakistan, auf einem Pick-up-Wagen, für den er eine Summe bezahlte, die er nicht nennen will, zusammen mit einem Teil seiner Familie. Jetzt steht er auf der verdorrten Erde des Flüchtlingslagers Shamshatoo in der Nähe von Peshawar und sagt Dinge, die in den Schaltzentralen der Supermacht USA Kopfschütteln auslösen dürften.

"Haben Sie sich von den Taliban bedroht gefühlt?"

"Ja, auch!"

"Waren Dürre und Hunger mit ein Grund für Ihre Flucht?"

"Ja, auch das."

"Denken Sie, dass Osama bin Laden ausgeliefert werden müsste, zum Wohle Afghanistans?"

"Nein, er soll nicht ausgeliefert werden!"

"Warum denn nicht, das Bombardement würde doch gestoppt, wenn er an die USA übergeben wird?"

"Das kann sein. Aber er ist unser Gast. Einen Gast liefert man nicht aus!"

"Aber Sie könnten morgen zurückkehren?"

"Einen Gast liefert man nicht aus!"

Mirza Khan steht mit einer Gruppe anderer Flüchtlinge an der staubigen Straße zwischen Sektor eins und Sektor zwei des Lagers. Einige von ihnen sind ebenfalls erst nach der US-Intervention geflüchtet. Sie widersprechen Mirza Khan nicht, wenn er auf die Unantastbarkeit des Gastrechtes pocht. Auch die anderen, die "alten" Flüchtlinge, die seit mehreren Jahren hier leben, nicken zustimmend. Osama bin Laden ist ihnen zwar ein Begriff, aber er ist letztlich auch nicht mehr als ein Name in einer endlosen Kette aus Gewalt, Krieg und Chaos.

Was für die Menschen im Westen ein Schock wäre, das Erlebnis militärischer Gewalt, ist für diese Flüchtlinge Normalität. "Der Krieg", sagt Shah Mirza, ein anderer, der ebenfalls nach der Intervention geflüchtet ist, "hat für uns keine besondere Bedeutung. Er ist Alltag."

Shah Mirza stammt aus der Provinz Parwan. Er sagt, er sei geflohen, weil er in das Kreuzfeuer zwischen Taliban und Nordallianz geraten sei. Mit seinen etwas über zwanzig Jahren gehört er einer Generation an, die nie etwas anderes kennen gelernt hat als Krieg. Das gilt auch für die Taliban, die sich jetzt vor den US-Bomben ducken. Sie befinden sich, wenn man Mirza Khan glauben darf, in einem Zustand der höchsten Erregung, denn ihr blutiges Handwerk strebt einem neuen Höhepunkt zu.

"Die Kampfmoral der Taliban", sagt Mirza Khan, "ist seit den Angriffen enorm gestiegen!"

"Sie meinen, sie ist nicht gebrochen worden?"

"Nein, nein. Sie verstecken sich und ihre Waffen. Sie warten auf die Bodentruppen. Dann können sie das tun, was sie am besten verstehen: Guerillakrieg!"

Mirza Khan sagt das alles ohne prahlerischen Ton, mit einem kleinen Lächeln zwar, aber im Grunde will er es einfach als die Feststellung einer Tatsache verstanden wissen.

Wahrscheinlich zwingt einen die Existenz als Flüchtling zur Nüchternheit. Wo immer er sich nämlich umschaut, wohin er sich auch wendet: Er kann nur Unabwendbares erkennen, er sieht nur Schicksal.

Die Welt in den Augen eines Flüchtlings ließe sich daher leicht in einer Liste statistischer Daten zusammenfassen: Das Lager Shamshatoo liegt auf einem Stück staubiger, harter Erde an der Grenze zum fruchtbaren Peshawartal.

Das Lager wurde Anfang der neunziger Jahre errichtet. Offiziell leben heute 63 000 Menschen hier, darunter etwa 200 Waisenkinder. Die Bewohner sind vier Sektoren zugeteilt, die ihrer ethnischen Zugehörigkeit entsprechen: Paschtunen, Tadschiken, Usbeken, Hazara. Jeder Sektor hat eine Gesundheitsstation. Doch es fehlt an Medikamenten. Viele Flüchtlinge müssen noch in Zelten hausen. Nur wer Glück hat, lebt in einer Erdhütte. Doch an diesen Erdhütten mangelt es, derzeit würden noch etwa tausend neue gebraucht.

Eine deutsche Hilfsorganisation will jetzt 700 Hütten finanzieren, jede kostet gerade mal 100 Dollar.

Diese Behausungen sind begehrt, obwohl sie nur ein Zimmer haben und höchstens zwölf Quadratmeter groß sind. Das ist der berechnete Platzbedarf einer Familie.

Nach offiziellen Angaben gibt es für jeden Flüchtling 15 Kilogramm Grundnahrungsmittel. Das Lager hat insgesamt 40 Brunnen, 80 handbetriebene Wasserstationen, 300 Wasserhähne.

Das also ist Shamshatoo in Zahlen. Eigentlich müsste es New-Shamshatoo heißen, denn das alte Lager war schon einmal abgerissen worden. Einige Zeit nach dem Abzug der Sowjets 1989 gingen die Flüchtlinge wieder zurück nach Afghanistan, in der Hoffnung auf Frieden. Pakistan war froh, entlastet zu sein. Aber Shamshatoo musste 1997 wieder eröffnet werden für jene, die vor dem afghanischen Bürgerkrieg flohen.

Damals kam auch Wahid. Zwischen den Hütten hat er sich aus Holzbrettern einen Stand zusammengenagelt. Dort stellt er seine Ware aus: Reis, Schnuller, Bonbons, Seife - vor allem Seife, in bunten Reihen. "Was soll mit Osama bin Laden geschehen?" Wahid schaut einen nur an, als rede man von einem Unbekannten. Und doch wird er dann noch sagen, dass "man ihn nicht ausliefern soll!" - es geht um ein Prinzip, nicht um die Person.

Es ist daher schwer, hier unter den Betroffenen über die Motive der Intervention des Westens zu sprechen. Sie sind für diese Menschen ohne größere Bedeutung. Es geht ihnen weniger um Zukunft, sondern um den nächsten Tag, vielleicht noch um den übernächsten. Es geht ihnen aber auch um die Vergangenheit, um das, was sie einmal waren, als sie noch in Afghanistan lebten.

In der stickigen, heißen Luft eines Zeltes sitzt Nadra, eine Frau, die der pakistanische Behördenvertreter als "unsere Animatorin" vorstellt. Sie ist eine Art Vermittlungsperson zwischen Flüchtlingen und Verwaltern. Nadra lebt seit 12 Jahren im Lager. In Pakistan hat sie ihre drei Kinder zur Welt gebracht.

Eine Initiative, die sie betreut, trägt den namen Old Memories. "Wir haben sie gegründet", sagt der Pakistani, "damit die Menschen hier nicht vergessen, was sie sind: Afghanen! Und als solche achten sie das Gastrecht - auch für Osama bin Laden."

Spendenkonten

Caritas, "Afghanistan", Konto 202, BLZ 660 205 00

Unicef, "Flüchtlingshilfe Afghanistan", Konto 300 000, BLZ 370 205 00

Deutsches Rotes Kreuz, "Flüchtlingshilfe", Konto 41 41 41, BLZ 370 205 00