Sarajevo/Wien

Dient Bosnien Osama bin Laden als europäischer Brückenkopf? Seit Jahren warnen die Amerikaner ihre Verbündeten davor, die Präsenz der Terrororganisation Al-Qaida auf dem Balkan zu unterschätzen. Die muslimische Republik diene bin Ladens Kämpfern als Ruheraum und Durchgangsstation und werde umso wichtiger, je mehr sich Staaten wie Deutschland und Frankreich abschirmten.

Der griechische Außenminister, Giorgos Papandreou, sprach bereits kurz nach den Attentaten des 11. September öffentlich davon, dass bin Laden selbst gemeinsam mit mehreren Al-Qaida-Mitgliedern Anfang des Jahres auf dem Balkan gewesen sei, unter anderem in Albanien und im Kosovo. Die jüngsten Festnahmen von 12 Arabern - ein Jordanier, drei Ägypter, acht Algerier - durch SFor-Soldaten erhärten die Vermutung einer nach wie vor existierenden, womöglich sogar neu belebten Bosnien-Connection des arabischen Terrornetzwerks: Die Festgenommenen waren jeweils mit mehreren Pässen für unterschiedliche Identitäten ausgestattet, darunter auch echte bosnische Papiere.

Den Charakter des Zugriffs kommentierte ein SFor-Sprecher mit der technischen Bemerkung: "Wir haben eine Verbindung zu Al-Qaida unterbrochen." Das sei, fügte er hinzu, inzwischen Teil des Jobs der internationalen Truppe. Die Festnahmen von Mitte Oktober waren denn auch nicht die ersten dieser Art. Im Sommer dieses Jahres, so eine Studie der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, seien gleichfalls mehrere arabische Mudschahidin verhaftet und manche von ihnen ausgeliefert worden. Nach ihnen hätten "kanadische, französische, ägyptische und kroatische Behörden jahrelang gefahndet".

Die bosnische Regierung wird mit dem Thema nicht gern konfrontiert. Zlatko Lagumdzija, seit drei Monaten Ministerpräsident Bosnien-Herzegowinas, räumt gleichwohl ein, die Klagen der Amerikaner allesamt zu kennen. Schon seine Vorgänger wurden von Washingtons Emissären bedrängt, die Gefahr gezielter islamistischer Untergrundarbeit in Bosnien ernst zu nehmen und dagegen vorzugehen - vergeblich. Er trage eine brisante Erblast. "Es gibt Beweise der Geheimdienste", seufzt Lagumdzija, "dass weitere Leute bin Ladens bei uns im Land sind, dass sich Mitglieder des internationalen Terrornetzwerks hier versteckt halten." Seine Regierung unterstütze den Kampf gegen den Terror aber nach besten Kräften.

Bin Ladens Präsenz auf dem Balkan reicht zurück in die Zeit des Bosnienkrieges. Damals errichtete er seine Basis. Er schickte seine Anhänger als Nothelfer in das bedrängte Land, kampferprobte "Gotteskrieger", die hochwillkommen waren. Als Mudschahidin kämpften sie mit der bosnischen Armee an vorderster Front gegen die übermächtigen serbischen Angreifer. Etliche von ihnen blieben in Bosnien, niemand weiß, wie viele genau. Ein paar hundert, glaubt die Regierung. Eine Kommission soll das jetzt herausfinden. Ihre Unterlagen zeigen, dass vom Beginn des Krieges 1992 bis 1998 insgesamt einige hundert Araber offiziell einen bosnischen Pass und eine neue Identität bekamen. "Es reichte, in der Armee zu kämpfen und Treue zu Bosnien zu erklären", sagt ein leitendes Mitglied der Kommission. "In bosnischen Botschaften überall im Ausland genügte eine Loyalitätserklärung und die Versicherung, sich niemals an Aggressionen gegenüber Bosnien zu beteiligen.

Dann bekam jeder problemlos einen bosnischen Pass."