Es war bislang die ergreifendste Feier für die Toten vom 11. September. Auf der Church Street, in Sichtweite des schwelenden Trümmerhaufens, hielten tausende Angehörige der Vermissten am Sonntag Andacht. Es war eine ruhige, würdevolle Feier mit Priestern, Rabbis und Imamen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Am Ende nahmen die Familien Urnen voll Schutt und Asche mit nach Hause. Die kollektive Trauerarbeit soll helfen, Abschied zu nehmen - und allmählich wieder den Alltag in die Südstadt Manhattans einkehren lassen. Von der "patriotischen Pflicht, das normale Leben wieder aufzunehmen", reden in diesen Tagen der Bürgermeister Rudi Giuliani und die Senatoren von New York.

Normales Leben? Inzwischen dürfen rings um den "Ground Zero" wieder Autos fahren. Evakuierte Bürogebäude sind wiedereröffnet, Hausbesitzer in der Battery Park City locken mit kräftigen Preisnachlässen ihre verschreckten Mieter zurück. Zur Rush Hour sind die Straßen der Südstadt wieder mit Menschen überfüllt, und auch drei stadtbekannte Schuhputzer sind wieder an ihrem alten Arbeitsplatz (was der New York Times gleich einen zweiseitigen Bericht wert war). Empfindlichkeiten lassen offenbar nach: Ein Kiosk ganz nah am ehemaligen World Trade Center hat zum Gruselfest Halloween ein Skelett ins Schaufenster gehängt.

Aber normal ist anders. Viele Passanten auf der Straße tragen seit ein paar Tagen wieder Gas- und Atemmasken. Nach anfänglichen Entwarnungen haben nämlich in der vergangenen Woche die Umweltbehörden zugegeben, dass sie an 38 verschiedenen Probeorten in Downtown Manhattan gefährliche Konzentrationen von Asbest gefunden haben, darunter Schulen. Im Washington Market Park wurde ein Spielplatz wegen Asbest im Sandkasten evakuiert, in mehreren Mietshäusern haben Bewohner jetzt ihren Hausstaub zur Analyse an private Schadstofflabors geschickt. Beim Zusammenbruch des World Trade Center wurde eine riesige Fläche Manhattans mit pulverisiertem Beton, Glas und Plastik bedeckt; immer noch liegt je nach Windrichtung ein beißender Qualm über der Stadt. Er riecht so ähnlich wie der Kabelbrand in einem Auto, und nach und nach ist den Behörden zu entlocken, dass zeitweise die Höchstwerte verschiedener Schadstoffe überschritten sind: Dioxin, Blei, PCB, Benzen. Ein Mitarbeiter des Wall Journal kämpft Berichten zufolge wegen des Staubes mit einer lebensgefährlichen Auto-Immunreaktion. 4000 Feuerwehrleute in Süd-Manhattan werden wegen "chronischen Hustens und Schmerzen im Brustbereich" behandelt - der auch nach Wochen nicht abklingt und im Jargon der "World Trade Center-Husten" genannt wird.

So schwirren in diesen Tagen erneut Reinigungstrupps mit Schutzanzügen und Spezialstaubsaugern durch die Straßen, um die letzten Reste des feinen hellgrauen Staubes von Fensterbänken und aus Ritzen zu entfernen. Allerdings nicht aus der Auslage des kleinen Juweliers an der Ecke Broadway/John Street. Dort weigert sich der Besitzer bislang, die millimeterdicke Kalkschicht aus seiner Auslage zu entfernen und schwadroniert vor der Ladentür auf die Passanten ein: "Wir haben das als eine Art Andenken hier gelassen, damit die Leute die Anschläge nicht vergessen". Seine Uhren, die biete er jetzt zu besonders guten Preisen an, "um einen Strich zu ziehen". Downtown Manhattan nach dem 11. September - auch ein Königreich für Leute, die aus Versicherungsfällen Geld zu machen wissen.