Es stimmt schon: Immer noch heulen in New York die Sirenen der Feuerwehrwagen, die Aufräumarbeiten am Ground Zero werden noch Monate dauern, die Polizei steht an allen Ecken, der rätselhafte Flugzeugabsturz vom Montag hat die Nerven gerade frisch aufgerieben. Doch die New Yorker - und überhaupt alle Amerikaner - wollen in diesen Tagen mal wieder über Anderes nachdenken als Katastrophen und Krieg. Für den New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani und seinen designierten Nachfolger Mike Bloomberg wird das aber zum Problem. Sie müssen die Betroffenheit am Leben halten.

Katastrophen-Tourismus ist daher zur Zeit ein wichtiger Teil des Bürgermeister-Jobs. Giuliani führt emsig Gäste aus Washington und aus aller Welt an den Ort des zusammengebrochenen World Trade Centers an der Südspitze Manhattans (in dieser Woche reiste der deutsche Bundespräsident zur Besichtigung an). Ein wichtiger Grund ist, dass Washington immer noch nicht die 20 Milliarden Dollar ausgezahlt hat, die US-Präsident George W. Bush versprochen hatte. Nach jüngsten Berechnungen sind überhaupt erst 9,2 Milliarden konkret zugesagt. Auf Drängen des Weißen Hauses wurde im Repräsentantenhaus sogar eine Initiative New Yorker Abgeordneter blockiert, die die Zahlung des restlichen Geldes beschleunigen wollten. Und eigentlich will Giuliani sowieso mehr als 20 Milliarden.

Doch je weniger Katastrophenstimmung im Land herrscht, desto kleiner werden die Chancen auf zusätzliche Mittel. Zum Ausgleich haben der Bürgermeister und Mediendruck immerhin schon mal das Rote Kreuz zu mehr Soforthilfen verdonnert. Die Organisation wollte eigentlich nicht alle seit dem 11. September eingesammelten Spenden (543 Millionen Dollar) sofort auszahlen, sondern einen Großteil des Geldes für künftige Katastrophen zurücklegen und sich selber besser auf solche Anschläge vorbereiten. Daraus wird aber nicht. Die Geschäftsführung des Roten Kreuzes entschuldigte sich am Donnerstag in ganzseitigen Zeitungsanzeigen beim amerikanischen Volk, und mindestens die Hälfte des Geldes geht jetzt in Form von Schecks an Angehörige von Opfern aus dem World Trade Center.

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