Erstmals passten zu Lucis alljährlicher Geisterparty auch die Kulinarien. Ihre Eltern hatten ihr in der letzten Email aus dem Jenseits ein paar Rezepte übermittelt. Als Attachment. Lucy schlug eine schweinslederne Mappe auf, präsentierte den Menuplan und riss die zwischen zwei Hexenbesen aufgespannte modrige Tapete herunter. Dahinter erwarteten die Köstlichkeiten des Abends unsere Verdauungssäfte. Auf drei Nierentischen präsentierten sich "Bluttropfen im Schnee", "Sir Francis Drake's Kanonenkugeln", "Spinatklöße blutrot". Eine Platte ließ "Bleiche Fischsuppe" köcheln, und daneben duftete "Käsiger Kuchen". Lucis Jenseitsdelikatessen: höllisch!

Fabulierend erläuterte die Gastgeberin die Zubereitung von "Drachenblut", einer kalt servierten Tomatensuppe. Die Ingredienzien Knoblauch, Schalotten, Paprika und Sellerie", verriet Luci, habe ein Freund, ein Forensiker, sieben Tage im Leichenschauhaus zwischengelagert. Und die "Dracheneier" zauberte Luci herbei, indem sie Eier verhexter Hühner kochte, dann mit gefrorenen Hasenlöffeln Risse in die Schale schlug, und sie weitere 40 Minuten in einem Sud aus Tee, Salz, Mandarinenschalen, Anis und Sojasauce zu Ende kochte. Die Eier werden geschält und eiskalt serviert.

Meinen Innereien bekamen die "Modrigen Pfannkuchen" am besten. Wird Pfannkuchenteig mit püriertem Spinat versetzt, sieht er nach dem Goldbraunbraten tatsächlich so aus, als hätte er schon frischere Zeiten gesehen. Blauschimmlige Ricotta-Füllung tut ein Übriges.

Luci sog die Komplimente genauso gierig ein, wie sie den aus Wodka, Roter Beete und Mango gemixten "Lieblingscocktail des Blutigen Barons" vernichtete. Besoffen triumphierte sie, eierte eine Ehrenrunde nach der anderen ab, und konterte die 120 Dezibel Depeche Mode, indem sie die Gischt, die ihrem schreienden Gesicht entsprühte, intensivierte.

Und ich schwieg. Denn auf der Suche nach dem Korkenzieher war ich zwischen Herd und Spühltrog zufällig auf eine geheimnisvolle Quelle gestoßen. Daraus hatten Lucis Eltern offensichtlich fleißig geschöpft, bevor sie ihrer teuflischen Tochter aus dem Jenseits das Attachment gemailt hatten: Unter drei wie zufällig hingeworfenen Topflapppen lag "Das Gruselkochbuch - grauenhaft gute Gerichte und Geschichten" von Elke Kößling (vgs, Köln 2001). Ich fand darin jedes von Lucis Halloween-Rezepten, auch das "Mönchsbrot" und die "Kräuterhexe".

Ich nahm mir vor, keiner Seele etwas zu verraten. Auch Luci schwieg, obwohl ihre Selbstkontrolle im Laufe des Abends noch auf fast allen Ebenen versagen sollte. Luci wird sich auch kaum daran erinnern, dass ich ihr beim Abschiedsumarmen versprochen habe, nächstes Jahr ein Gericht beizusteuern. Das Rezept dazu steht im selben Buch. Auf Seite 8, neben dem Vorwort. Es stammt aus dem Jahre 1861 und beginnt wie folgt:

"Enthäuten Sie die Krähen ohne sie vorher zu rupfen, indem Sie die Haut an den Keulen einschneiden und dann über Körper und Kopf hinweg abziehen. Entfernen Sie die Hälse und Rückenteile und teilen Sie die Vögel entlang der Brust. Arrangieren Sie die Krähen in einer tiefen Kasserolle und ..." Ich werde weder Hälse noch Köpfe entfernen und dank "Mrs. Beeton's Rook Pie" herausfinden, ob sich unter Lucis Gästen nicht doch ein Weichgesottener befindet.