JENS JESSEN JUVANLISCH: Reichskrankenhaus


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JENS JESSEN JUVENALISCH: Reichskrankenhaus

Wolfgang Wagner, weit davon entfernt, sich aus seinem Amt als Bayreuther Festspielchef entfernen zu lassen, hat ein neues Zeugnis seines zähen Zukunftswillens gegeben. Nachdem er gerade erst zu aller Überraschung den dänischen Filmregisseur Lars von Trier (Breaking The Waves) für künftige Inszenierungen verpflichtet hat, ist nun das weitere Engagement eines höchst avancierten Regisseurs bekannt geworden: Martin Kusej soll den Parsifal der Saison 2004 machen.

Das Altbackene der Bayreuther Planungen, das man dem Alten vom Hügel lange und mit Grund zum Vorwurf machte, ist damit mit einem Schlag vertrieben; jedenfalls für unsere gegenwärtige Perspektive. Wie diese Perspektive aussehen wird, wenn Kusej und Trier zu inszenieren beginnen, wissen wir allerdings nicht. Vielleicht werden diese dann auch längst zu Klassikern gealtert sein; nichts geht schneller als dieses Altern in unserer Kunstwelt. Vielleicht wird Kusej dann schon wie der griesgrämige schwedische Chefarzt aus in Lars von Triers Reichskrankenhaus-Fernsehserie durch die Kellergänge des Festspielhauses geistern und dort unten, in einem vergessenen Bügelzimmer neben der Pathologie, auf Wolfgang Wagner stoßen, wie er auf T-Shirts das Bügelbild seiner Gattin Gudrun plättet.

Eine solche oder ähnliche Szene jedenfalls könnte der dänische Regisseur seinerseits für die Götterdämmerung verwenden. Es wäre aber eine, wo es niemals zu dämmern aufhört. Denn nichts spricht dafür, dass Wolfgang Wagner jemals weichen wird; und selbst wenn es sein sterblicher Leib täte, dann hätte er doch für so viele Inszenierungen im Voraus geplant, dass sein Nachfolger (falls es überhaupt jemals einen geben wird), für eine lange Zeit zum bloßen Zuschauen verurteilt wäre: vor seinem Auge würden sich nur immer wieder die Visionen des Verblichenen abrollen, bis auch er ins Greisenalter käme, wo er Wolfgang-Wagner-gleich die Revoluzzer von gestern in die Klassiker von übermorgen verwandeln könnte.

Es ist ein Gespenstertreiben der Untoten, das den Grünen Hügel dem legendären Reichskrankenhaus nahe bringen wird, wir sehen es verwackelt, unscharf, grobkörnig, aber deutlich dräuend, mit Eva, Daphne und Nike Wagner im Rollstuhl, die Todsspritzen für einen Toten immerwährend neu aufziehend, Verwünschungen murmelnd und von den vergreisten Jungstars des Alten durch die Gänge geschoben. Das Reichskrankenhaus - vergessen wir für einen Moment Dänemark - wäre ein guter Namen für das Bayreuther Festspielhaus von Morgen.

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