Das Wetter war sonnig. Toni hatte seine Honda aus der Garage geholt. Die Maschine röhrte in der Mittagsstille Islamabads. Wir konnten ihn schon weitem kommen hören. Toni war ein Freund unseres Hotelrezeptionisten Fahrid. Er kam fast täglich zu Besuch, auf einen Plausch oder um irgendwelche Dinge zu erledigen. Niemals habe ich ihn im traditionellen pakistanischen camis gesehen. Das war ungewöhnlich, denn in camis kleidete sich in Pakistan fast jeder. Toni trug Jeans und ein offenes Hemd, das den Blick auf eine behaarte Brust freigab. Die schwarzen Schuhe hatte er immer auf Hochglanz poliert. Toni war trendy.

Es war leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, da er über eine unersättliche Neugier auf alles verfügte, was außerhalb Pakistans geschah. Seine eigentlichen Weggenossen vermutete Toni in Europa und den USA, nicht in Pakistan. Darum sprach ich mit ihm auch nie über den Krieg. Das hätte er nicht verstanden. Er wollte sich ihn vom Leibe halten, ebenso wie die Islamisten, den Terror, die Bomben und was alles sonst noch seine Heimat erschütterte. Toni träumte sich gern auf einen anderen Stern. Er machte das überzeugend.

Toni hupte, als er uns auf dem Bürgersteig stehen sah. Er bremste sanft ab. Er spreizte die Beine über dem dampfenden Motor. Das Hemd war wie gewohnt offen. Die Brusthaare schimmerten wie üblich schwarz. Eine schmale Goldkette hing um seinen Hals. Der Fahrtwind hatte die Haare zerzaust. Auf seiner Nase saß eine dunkle Sonnenbrille. Toni sah etwas übertrieben aus.

Die Begrüßung war knapp, denn ich hatte es eilig. Ich wollte zum Khosar Markt zur Buchhandlung London Books. Dort gab es fast alle Zeitungen dieser Welt und gute Bücher.
"Khosar Markt?", fragte Toni.
"Ja!"
"Komm, steig auf. Ich bring dich hin!"

Ich schwang mich auf den Sitz seiner Honda. Es war eine 150er, eine kleinere Maschine. Aber angesichts der notorisch ramponierten Wagen Islambads, angesichts all der namenlosen Blechkisten fühlte ich mich wie auf einer Harley Davidson. Toni gab im Leerlauf Gas. Der Motor hämmerte. Das Motorrad vibrierte, schepperte und klingelte. Es war schon einige Jahre alt. Toni schaltete den Gang ein. Er ließ die Kupplung los. Die Honda machte einen Satz. Schon waren wir auf der Piste. Fahrid winkte uns nach.

Natürlich fuhr Toni schnell, das gehörte zu seinem Outfit. Aber ich fühlte mich einigermaßen sicher. Schließlich war Toni einer, dem man sich hingeben musste. Widerstand war zwecklos.

Islamabads Alleen rauschten an uns vorbei, Passanten, Häuser, Autos - alles verwischte sich wie in einem Traum zu einem bunten, sonnenwarmen Brei. Wir zischten mitten hindurch wie eine abgeschossene Kugel.