Manchmal kommt ein Schlag aus einer dunklen Ecke. Er trifft einen direkt ans Kinn. Völlig unerwartet. In meinem Falle war es ein Leibwächter.
Ich traf den Mann auf einem Empfang. Ein ausländischer Politiker war nach Islamabad gekommen. Er hatte Journalisten zum Gespräch eingeladen. Der Leibwächter sah pflichtgemäß aus: groß und bärenstark. Das Gesicht versprach alles zwischen Gewalt und Ordnung. Ich mag solche Gesichter. Sie sind wie eine breite Autobahn auf der man sicher und schnell von A nach B kommt. Sie strahlen Gewissheit aus. Das ist Gold wert in Zeiten wie diesen.

In Zeitungen finden sich immer wieder Geschichten über Prominente und ihre Leibwächter. "Und wie leben Sie mit diesem Personenschutz? Ist es nicht lästig dauernd Leibwächter um sich herum zu haben? " So ähnlich lauten dann die Fragen an den Bewachten. Das sind suggestive Fragen. Der Leibwächter wird als Störfaktor dargestellt, eine lästige aber leider notwendige Anwesenheit Ich verstehe das gar nicht. Ich hätte gerne einen Leibwächter. Nicht etwa, weil er ein Symbol meiner Macht wäre, sondern einfach weil einer da wäre, der immer weiß, was zu tun ist. In jeder Situation. Und ich, das gebe ich zu, befinde mich öfter als mir lieb ist in einem Zustand, wo ich nicht weiß, ob ich nach links gehen soll oder nach rechts, geradeaus oder zurück. Gerade hier in Pakistan leide ich oft unter Orientierungslosigkeit.

Diese lange Vorrede halte ich, damit sie verstehen, warum Leibwächter grundsätzlich meine Sympathie besitzen. Auch wenn ich besagten Mann noch einmal treffen sollte: Ich werde ihm mit Zuneigung begegnen, trotz des "Unfalles".

Der Leibwächter stand auf der ebenerdigen Terrasse, die auf einen prächtigen Park hinausging. Es war bereits dunkel und im Gegenlicht einer starken Lampe sah er noch größer aus als er war. Er warf einen gewaltigen Schatten. Da der Politiker noch nicht zugegen war, gab ich mich meiner Leidenschaft für Leibwächter hin. Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu, streckte die Hand aus und begrüßte ihn. Über den Händedruck muss ich ihnen nichts sagen, nur soviel: Er erfüllte die Erwartungen. Er aß gerade eine der kleinen Speisen, die ein livrierter Kellner auf einem großen Tablett serviert hatte. Ein Fischhäppchen, wenn ich mich recht erinnere. Aber sicher bin ich mir nicht. Ich war zu aufgeregt in dem Moment.

"Sie also, sind für den Politiker C. abgestellt?"
"Ja", sagte er und dann gab er mir bereitwillig Auskunft. Worin seine Aufgaben bestanden, wie viele sie waren, wie lange er diesen Beruf schon ausübte. Er hatte eine volle Stimme, der ich gern zuhörte. Irgendwann war er mit dem Erzählen fertig. Ich war um eine Frage verlegen. Da warf ich einfach das Naheliegende ein.

"Milzbrand? Erklären sie mir doch diese Sache mit den Milzbrandbriefen. Warum kann man die Täter eigentlich nicht finden?"
"Keine Chance!" , antwortete er, "Es ist ganz einfach auf einem Kuvert keine Spuren zu hinterlassen. Handschuhe, keinen Speichel, eine Adresse draufkritzeln. Fertig ist das Ding. Wer soll Sie dann noch finden?!"
Das leuchtete mir ein.
"Und ich sagen Ihnen was," fuhr er fort, "das ist erst der Anfang!"
Ich wartete gebannt.
"Was meinen Sie, was erst los sein wird, wenn die ersten Milzbrandbriefe in einer Schule ankommen, oder in einem Kindergarten!?" Er machte ein ganz unaufgeregtes Gesicht. Selbst angesichts der Katastrophe blieb er noch gelassen.

Glücklicherweise musste ich nicht weiter auf das Thema eingehen. Der Politiker ließ weiter auf sich warten und so hatten andere Journalisten sich zu uns gesellt. Der Reihe nach stellten sich alle vor. Schließlich standen wir in einem Kreis zusammen. Der Leibwächter überragte uns um Haupteslänge. Ein paar Sekunden lang war Schweigen. Ewige Sekunden. Und dann kam der Kinnhaken. Wie aus dem Nichts.