Ich habe Raza dreimal getroffen. Das erste Mal in einem Restaurant. Er saß an meinem Tisch, rechts von mir. Ein zweites Mal traf ich ihn ebenfalls in einem Restaurant. Er saß an meinem Tisch, links von mir. Das dritte Mal war Raza mit mir im Auto. Er saß auf der Hinterbank. Die beiden Abendessen dauerten jeweils rund eine Stunde. Die Fahrt insgesamt sechs Stunden.

Ich muss meine Begegnungen mit Raza auf diese protokollarische Weise festhalten, weil er mir sonst entwischt. Raza nämlich ist anwesend und abwesend zugleich. Seine äußere Erscheinung entspricht diesem Eindruck vollkommen: Er ist sehr dünn, klein und er hat ein schmales, langes Gesicht. Er sieht aus wie ein Strich. Trotzdem besetzt er den Raum, in dem er sich aufhält, bis in den letzten Winkel. Wenn er geht, hinterlässt er ein unangenehmes Gefühl, das einem Stunden lang nachhängt. Wenn er angekündigt ist, löst sein Kommen ein Unruhe aus, wie wenn sich ein Gewitter zusammenbraut. Als wir zusammen Richtung Kashmir fuhren, spürte ich einen schweren, schwarzen Schatten in meinem Rücken. Es war eine Spannung, die sich jederzeit entladen musste. Aber sie tat es nicht. Sie staute sich, bis sie das Wageninnere füllte. Es war zum Ersticken.

Bei all dem spricht Raza kaum. Man muss ihn durch unablässiges Fragen zwingen, ein paar Worte von sich zu geben. Die Antworten kommen sehr knapp und bestimmt. Alles, was Raza sagt, ist festgefügt. Nichts bleibt offen. Nirgends kann sich der Gesprächspartner einklinken. Raza spricht in Sentenzen. Ich bin nach wenigen Minuten erschöpft und gebe auf.

Raza ist Landeigentümer. Wie groß seine Besitzungen sind, habe ich nicht erfahren, obwohl ich ihn danach gefragt habe. "Ich weiß es nicht genau!", sagte er nur.

Razas Ländereien liegen an der Grenze zu Afghanistan, in der Gemeinde Dir. Dieses Gebiet ist Teil der sogenannten "tribal areas", dort leben Pakistans Stämme. Die Sache mit den Stämmen ist eine höchst komplizierte Angelegenheit, aber im Zusammenhang mit Raza ist nur Eines wichtig: Die "tribal areas" sind für Ausländer verbotenes Gebiet. Der Grund dafür ist der Krieg in Afghanistan. Selbst in normalen Zeiten, heißt es, sind die Stammesgebiete gefährlich. Es wimmelt von Bewaffneten, die sich nicht an die Gesetze halten. Raza kommt also aus einer Gegend, die ich nicht kenne und die ich auch nicht kennen lernen darf. Seine Wurzeln liegen für mich im Dunkeln. Einmal im Monat fährt Raza von seinem Wohnort Islamabad für ein paar Tage nach Dir, um nach dem Rechten zu sehen. Eigentlich fährt er nicht weg, sondern er verschwindet. Er kommt nicht zurück, er taucht auf.

Ich möchte Razas Heimat sehen. Vielleicht könnte ich so besser verstehen, warum er so ist, wie er ist. Aber das ist nur ein Gedanke, eine hilfloser Versuch, ihn für mich zu erklären. Aber Raza ist eigentlich nicht zu erklären. Das ist Grundlage seiner Macht. Er hat Macht. Das geht aus jeder seiner Bewegungen hervor. Wenn er sich hinsetzt, schlägt er die Beine übereinander und legt seine Hände seitwärts von seinem Körper ab. Das wirkt sehr entspannt, sehr konzentriert. Wenn er aufsteht, geschieht das lautlos, kein Rascheln seines pakistanischen Camis ist zu hören, kein Geräusch von einem auftretenden Fuß. Nichts. Er ist plötzlich auf den Beinen und eben hat man ihn noch sitzen sehen, er geht hinter einem her, obwohl er gerade noch vor einem stand, man spürt ihn noch ganze nahe an sich, dabei ist er längst schon ein paar Meter abgerückt.

Natürlich habe ich mit Raza über Politik geredet. Dabei ist mir eines seiner Worte in Erinnerung geblieben: "Back up", was so viel heißen mochte wie Unterstützung, Hilfe, Hintergrund. "Ohne backup kommt man in Pakistan nirgendwohin. Es braucht backup!" Als er dies sagte, hatte er gerade seinen Teller leer gegessen und sich zurückgelehnt. "Backup!" kam es aus seinem Mund. Es war eines dieser Gesetze, die er immerzu formulierte.