Tatsächlich komme ich mir seit dem Tag an dem ich in Pakistan gelandet bin belagert vor. Der Grund dafür sind Dollarscheine. Ich habe nicht wenige davon ins Land gebracht. Krisen haben nämlich ihren Preis. Das Ausmaß einer Krise kann man an der Dicke der Dollarbündel einfliegender Journalisten bestimmen. Der Krieg in Afghanistan brachten prall gefüllte Geldbeutel nach Islamabad. Das wusste jeder Pakistani.

Am Anfang war ich noch überwältigt von dem Ansturm an Fahrern, Übersetzern, Koordinatoren, Kontaktern und wie auch immer die Menschen sich selbst bezeichneten, die einem auf den Fersen klebten. Bei jedem Schritt, den ich hier mache, höre ich: "Sir! Sir!", oder etwas intimer: "My friend!" , oder die lockere Variante: "Hi brother, how are you!" Das dürften in Friedenszeiten nicht anders sein. Auch Touristen tragen Dollars mit sich. In Kriegszeiten allerdings erreicht dieses Begleitgeräusch einen Höhepunkt. Es ist Erntezeit. Inzwischen habe ich mich nicht nur daran gewöhnt, ich bin auch mit einigem Erfolg, wie ich behaupten darf, in die Köpfe der Belagerer eingedrungen, aber vielleicht ist es besser, von Guerrileros zu sprechen. Pakistanische Dollarguerilla.

Wir kommen aus dem Westen als Vertreter einer haushoch überlegenen Macht in dieses Land. Märchenhaft reiche Gesandte des Nordens. Das erste, was sich ein Guerrilero überlegen muss: wo kann ich mit dem geringsten Kräften am effizientesten zuschlagen, wo ist mit geringem Aufwand am meisten zu holen? Er richtet sein Auge auf die potentesten Gäste, die gleichzeitig die verwundbarsten sind: Die Globalsender aus dem angelsächsischen Raum.
Diese gewaltigen Maschinen haben einen unstillbaren Hunger. Sie müssen stündlich gefüttert werden. Dafür verteilen sie Unsummen. Sie kaufen sich die besten Übersetzer, mieten die schnellsten Autos, besetzen ganze Stockwerke in Luxushotels, richten die effizientesten Telefonleitungen ein, die sichersten Kommunikationswege. Der erste Schwarm Dollaguerilleros stürzt sich auf dieses Spezialkommando der Medienarmada. Es sind die Gebildetsten, die mit dem besten Englisch, den besten Kontakten, den Zugang zu scheinbar unerschließbaren Quellen. Sie schlagen als erstes zu und kommen mit den größten Beutestücken zurück.

Diese Spitzengruppe verfügt über ein ganzes Gefolge an weniger gut Ausgestatteten. Es sind die Fußtruppen der Dollarguerilla. Sie schnappen sich nach und nach den Rest der reportierenden Invasoren. Zuerst die interessanten Happen: Die TV-Stationen aus den großen europäischen Ländern, danach jene aus den kleineren europäischen Ländern, dann sind die außereuropäischen, nicht-amerikanischen Sender dran. Danach geht das ganze von vorne mit den Printmedien los, die per definitionem weniger hungrig sind, weniger brauchen und auch weniger haben. Es läuft alles nach System. Am Ende liegt das vielköpfige Medienmonster fachgerecht zerteilt und ausgeweidet am Boden.

Die Dollarguerilla stimmt jetzt kein Thriumphgeheul an. Das würde das Geschäft stören. Es geht ja nicht darum, einen Feind aus dem Land zu jagen, sondern einen Besatzer der besonderen Art festzunageln und langsam ausbluten zu lassen. Am besten so, dass er es nicht merkt. Die Dollarguerilla kommt deshalb in immer neuen Wellen mit verlockenden Worten und Angeboten: "Sir! Sir!" Und: "My friend!" Und: "Hi brother, how are you?"

Ich schimpfte noch eine Weile über den Taxifahrer während ich in der Hotellobby herumstand ohne recht zu wissen, was ich nun als nächstes tun sollte. Ich war etwas verwirrt von der letzten Attacke der Dollarguerilla und musste mich schon auf die nächste vorbereiten. Ein Mann, den ich vor einigen Tagen zufällig kennen gelernt hatte, kam auf mich mit schnellen Schritten zu.
"My friend, erinnerst du dich an mich?" Ich erinnerte mich nicht.
"Natürlich!", antwortete ich, "wie geht es dir?"
"Wunderbar, wunderbar!"

Hatte ich ihn einmal für irgendeinen Dienst bezahlt? Wahrscheinlich. Aber ich wusste nicht mehr für was. Mein Hirn lief im Schnelldurchlauf, all die Gesichter, all die lächelnden Männer, all die Angebote. Wo, wann, wie habe ich diesen Herren kennen gelernt? Ich hatte nur mehr eine verschwommene Erinnerung an ihn. Ich konnte ihn nicht eindeutig lokalisieren.
"My friend, was kann ich für dich tun?"