Das war Ahmeds Art, Überraschung zu zeigen: Er zögerte mit der Antwort. Mein Wunsch, das Museum von Peshawar zu besuchen, kam für ihn mit Sicherheit unerwartet. Nach Peshawar kam man, um mit Flüchtlingen zu reden, mit afghanischen Kriegsherren, mit Vertretern humanitärer Organisationen. Es war keine Stadt für Museumsbesuche, auch die Zeit war nicht danach. Es war Krieg. "Was immer du möchtest! Aber wir sollten auf den Cousin meines Freundes warten."
"Aber wir wissen doch, wo es ist?"
Das Museum lag nicht weit vom alten Bazar an einer verkehrsreichen Straße. Es war ein auffallendes Gebäude, nicht weil es besonders groß oder prächtig war. Es war einfach ein stiller Platz, und in Peshawar war ansonsten alles Lärm. Ich hatte vor dem Museum noch nie einen Menschen gesehen, keinen Wagen, kein Tier. Das Eisengitter, das den kleinen Park des Museums begrenzte, umschloss einen Ort, an dem alles zu schlafen schien. Selbst die roten Ziegelsteine des Gebäudes leuchteten in der kräftigen Sonne Peshawars nicht. Sie waren kraftlos.
"Aber es ist besser, wir warten auf den Cousin meines Freundes!", beharrte Ahmed.

Ich gab auf. Ich hatte mich daran gewöhnt, Ahmeds Anregungen zu folgen, auch wenn ich sie nicht verstehen konnte. In diesem Land führte es zu nichts, wenn man nach dem Warum fragte. Das meiste blieb im Ungewissen. Ich hatte gelernt, mit dem Unerklärlichen zu leben. Das war besser so.
"Wie lange wird es dauern?"
"Zwanzig Minuten!"

Ich bestellte eine Pepsi Cola. Sie verklebte mir den Gaumen. Ahmed trank nichts. Er starrte nur vor sich hin Ich trank weiter Cola. Ahmed starrte weiter auf den kleinen Garten des Hotels. Das ging so, zwanzig Minuten lang. Dann kam der Cousin von Ahmeds Freund und noch ein weiterer Mann. Ich habe ihre Namen vergessen, wahrscheinlich, weil ich sie nur als vorübergehende Bekanntschaft betrachtete, Menschen, denen ich nie wieder in meinem Leben begegnen würde. Sie tauchten auf und verschwanden wieder in der Masse.

Der Cousin trug feines Tuch, der andere war in gröberen Stoff gekleidet. Ahmed stellte mich vor. Wir fuhren mit dem großen, blitzsauberen Wagen des Cousins los. Nach wenigen Minuten kamen wir vor dem Museum an. Das Eingangstor war verschlossen. Der Mann in gröberen Kleidern sprang aus dem Wagen und öffnete es, so als käme der Besitzer des Grundstückes an. Ahmed bemerkte meine Verwunderung über die Eilfertigkeit des Mannes und die Selbstverständlichkeit, mit der er sich Zugang zum dem Gelände verschaffte. "Er ist der Diener des Cousins", flüsterte er mir zu.

Der Wagen hielt direkt vor dem Eingang Museums. Ein Bediensteter richtete sich von seinem Armstuhl auf. Er machte einen etwas verwirrten Eindruck. Offensichtlich hatte er auf dem Stuhl gedöst. Ohne ein Wort zu sagen, hörte er sich an, was der Cousin zu sagen hatte. Er nickte nur, aber es wirkte, als verbeugte er sich. Schließlich öffnete er die Tür und verschwand. Wir warteten. Die Sonne stand bereits tief. Das Licht strich über das verbrannte Gras des Parks, über den leeren Asphalt der Einfahrt. Es kroch bis unter dem Torbogen in dem wir standen. Hinter dem Zaun toste der Verkehr. Keiner von uns sprach ein Wort.

Die Tür öffnete sich. Der Museumsbedienstete kam mit einem Kollegen. Auch ihm musste mein Anliegen wieder erklärt werden. Er hörte sich das ganze in aufrechter Haltung an. Er hatte wahrscheinlich einen höheren Rang unter den Beamten des Museums. Ein peinliches Gefühl beschlich mich. Ich wollte nur ein Museum besuchen und hatte eine Kettenreaktion ausgelöst. Jetzt stand ich hier, fünf Leute um mich herum. Jeder versuchte, meinen Wunsch zu erfüllen. Ich musste mir selbst einreden, dass es normal war, ein Museum besuchen zu wollen. Ich war verunsichert.

"Bitte kommen Sie!" Der Museumswärter öffnete die Tür. Ich trat als erster ein. Die anderen folgten mir Wir kamen in einen Vorraum von dem zwei Treppenaufgänge in den ersten Stock führten. Links ging es zur "Anthropologischen Sektion", rechts zur "Islamischen Sektion".
"Diese beiden Abteilungen sind geschlossen", sagte der Beamte. "Warten Sie einen Moment." Er schritt aus und verschwand vor unseren Augen lautlos in einem düsteren Raum, der nur wenige Meter vor uns lag, aber dessen Größe wir nicht erkennen konnten. Ahmed räusperte sich. Wir hörten mehrfaches Klacken. Neonlicht flammte auf. Vor uns öffnete sich ein Saal. Der Boden war aus dunklem Parkett. Rund um den ersten Stock, der offen war, lief eine Balustrade. Das Geländer bestand aus schön geschnitztem schwarzem Holz. An der Decke schimmerte weißer Stuck.