Dolgenbrodt hat die Geschichte eingeholt. Das Dorf ist in Lauerstellung: Entscheidet das Bundesverwaltungsgericht gegen den Ort und spricht damit dem früheren Dolgenbrodter Eberhard Specht ein Stück Land zu, das mehr als die Hälfte des Dorfes umfasst? Das wären 300 Hektar - fast so groß wie 600 Fußballfelder. Die meisten Grundstücke im Ort gehörten früher zum Gut Dolgenbrodt. Das war im Besitz der Familie Heinrich Specht, die in den letzten Kriegstagen eine Tragödie besonderen Ausmaßes durchlitt. Geblieben ist ein verwildertes, vernachlässigtes Grab auf dem Friedhof. Doch nach Jahrzehnten des Verdrängens rücken die Ereignisse nun noch einmal ins Licht.

Wo die Partei in Partylaune war

Der Ort Dolgenbrodt, der so sehr auf die Rückkehr der Ruhe wartet, hat eine Geschichte, die man aufgrund seines dörflichen Charakters gar nicht vermutet. Hier verbrachten Berliner Nazigrößen ihre Wochenenden, hier feierten beinahe übergangslos die neuen Machthaber von SED und Staatsmacht fröhlich weiter. Dolgenbrodt ist auf einer Landzunge gebaut, die in den Fluss Dahme und den Langen See hineinragt, ein Idyll, das jahrzehntelang Bauherren aus dem nahen Berlin auf den Datschenplan rief. Alte und auch nicht ganz so alte Dolgenbrodter reden noch heute von den Wachposten und den gepanzerten Limousinen, die das Dorf umstellten, wenn Partei und Macht in Partylaune waren. In die Öffentlichkeit geriet Dolgenbrodt aber erst 1992, als bekannt wurde, dass durch die Anstiftung eines Blumenhändlers und mit der Unterstützung des halben Dorfes ein Asylheim niederbrannte und alle Welt glaubte, es seien junge, tumbe Neonazis gewesen. Und heute hat das Dorf wieder ein Problem: Wie soll es damit umgehen, dass dramatische Ereignisse von gestern plötzlich seine Zukunft bestimmen könnten? Eine kleine Welt gerät ins Wanken - durch Rückübertragungsansprüche aus dem fernen Brasilien. Absender ist Eberhard Specht. Er ist 85 Jahre alt.

Die Geschichte der Familie Specht wurde von einem tragischen Schicksal bestimmt. Eberhard Specht kommt als 5-Jähriger gemeinsam mit seiner Schwester Helga auf das Gut Dolgenbrodt. Sein Vater Heinrich, ein Holzhändler, und seine Mutter Badana haben in den zwanziger Jahren das Stück Land erworben, auf dem nicht nur fabelhafter Wald, sondern auch ein Gutshaus steht, das von den Dorfbewohnern nur "das Schloss" genannt wird. Ein herrschaftliches Haus, ähnlich dem Stil wilhelminischer Bauten in Berlin, gebaut aus hellem Sandstein, verziert mit Putten und Stuck. Das Haus ist der wirtschaftliche Mittelpunkt des Dorfes. Das Gut beschäftigt viele Menschen, der Handel mit Holz, Milch und anderen landwirtschaftlichen Gütern blüht. Martha Rudolph, eine frühere Nachbarin der Spechts, erinnert sich: "Eine nette Familie, die mit allen redete und im Dorf recht beliebt war."

Doch mit den Nazis kommt auch der staatsgeschürte Hass auf die Juden. Durch die Nürnberger Rassegesetze 1935 gilt Badana Specht als "Volljüdin", ihre Kinder werden zu "Halbjuden". Schleichend wie Gift wirkt dieses Gesetz auch nach Dolgenbrodt hinein. Aufträge von Reichspost und Reichsbahn bleiben aus, Bezugsscheine für Saatgut und Kraftstoff werden der Familie verweigert. Die Familie gerät zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Nach rassistischer Hetze nimmt Heinrich Specht seinen Sohn Eberhard, im Dorf nur Hardy genannt, vom Gymnasium im nahe gelegenen Königs Wusterhausen. Als Heinrich Specht 1939 das Gut verkaufen will, um zur Familie seiner Frau nach Brasilien auszuwandern, verweigern die deutschen Behörden ihre Zustimmung. Um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, verpachtet der Vater Grundstücke am Wasser an wohlhabende Berliner.

Wochenendsiedlungen entstehen, die noch heute existieren: dunkle Holzhäuschen, Fertigteilhäuser, auch Gebäude aus rotem Klinker. Dass Specht seine Grundstücke damals auch Nazifunktionären anbietet, die freudig zugreifen, weil sie das Idyll des Wasserdorfes schätzen, führt zu allerlei Spekulationen. Als immer mehr junge Männer aus dem Dorf in den Krieg ziehen müssen, Hardy aber als "Halbjude" nicht eingezogen wird, schlägt die Stimmung im Dorf um. Neid kommt auf. "Plötzlich waren auch wir schlecht angesehen", sagt Martha Rudolph, "weil wir trotzdem zu den Spechts hielten." Nur sehr wenige wollen bemerkt haben, wie die Nazischlinge immer enger um die Spechts gezogen wurde. "Das Leben lief für die Spechts genauso ab wie für andere im Dorf", sagt Hans-Jürgen Schwandt, der seit den dreißiger Jahren in Dolgenbrodt wohnt, "sie hatten doch alle Freiheiten, zu tun, was wir auch tun konnten. Vielleicht hätten sie sich diesen furchtbaren Stern anstecken müssen, wenn sie das Dorf verlassen wollten, aber sonst ..."

Als im November 1944 die Deportation der "Mischlinge ersten Grades" beginnt, wird Eberhard Specht als Zwangsarbeiter in ein KZ-Außenlager von Buchenwald interniert und in einen Steinbruch geschickt.