Kapstadt

Neigt das Haupt. Wagt es nicht, ihn anzureden. Meidet seinen Blick. Zieht die Schuhe aus. Der Zeremonienmeister bläut uns noch einmal die Verhaltensregeln ein.

Plötzlich kracht ein Schuss aus dem Vorderlader des Ersten Palastschützen, und der Hofstaat, die Schirmträger und Lobsänger, die Luftfächler und Robenglätter, sinken wie vom Mündungsblitz getroffen in den Staub. Al-Hadji Ado Bayero, der Emir von Kano, bittet zur Audienz. Er thront unter den Insignien seiner Macht, Dolch und Schwert, die Hände gefaltet, mit hartem Gesicht, die dunklen, verschatteten Augen auf einen imaginären Fluchtpunkt gerichtet. Zu seinen Füßen sitzen die Notabeln und Berater. Sie mustern den Zug der Vasallen, die in Dreierketten vor dem Herrscher auf die Knie fallen, ihre Treue schwören und mit demütigen Gesten wieder abziehen.

Die Emire und Sultane von Nigeria sind mächtige Würdenträger, religiöse und zugleich politische Autoritäten, an denen der Staat nicht vorbeiregieren kann. Sie stehen an der Spitze einer Theokratie, die im 10. Jahrhundert aufkam, als der Islam in die Savannen südlich der Sahara vordrang. Ihr Wort ist Gesetz. Wehe dem Imam, Provinzfürsten oder Clanchef, der ihnen nicht regelmäßig huldigt!

Nirgendwo in Afrika tritt der Islam so stolz und selbstbewusst auf wie in den Nordprovinzen Nigerias. Und nirgendwo sind die ethnischen, sozialen und religiösen Gegensätze so konfliktträchtig. Vor zwei Jahren, als wir vor dem Emir standen, war Kano eine friedliche Stadt. Seit im fernen Afghanistan Bomben fallen, befindet sie sich im Ausnahmezustand: Kirchen und Moscheen brennen, Muslime und Christen gehen aufeinander los, es gab zahlreiche Tote. Der Angriff der Amerikaner scheine "wie ein Streichholz zu wirken, das die jüngsten Unruhen entflammt hat", schreibt das britische Magazin The Economist.

Auch in anderen Regionen des Kontinents ist die Lage angespannt. In Südafrika will eine radikale Gruppe freiwillige Gotteskrieger für den Dschihad in Afghanistan rekrutieren. In Kenia demonstrieren zornige Muslime gegen die Angriffe auf unschuldige Glaubensbrüder. Die Brandparolen, die bei Protestumzügen in Somalias Hauptstadt Mogadischu herausgeschrien werden, wecken Erinnerungen an das unselige Jahr 1993, als die humanitäre Militärintervention der Vereinten Nationen kläglich scheiterte. "Sie wollen uns kolonisieren, kommerzialisieren und christianisieren", stand seinerzeit auf den Flugblättern der Extremisten. Sie - gemeint sind die Weißen, die Ungläubigen, die Amerikaner. Besucher konnten sich damals nur unter Lebensgefahr in den Ruinen von Mogadischu bewegen; es schlug ihnen unbändiger Hass entgegen. Der Mob zerrte die Leichen von Blauhelmen durch die Straßen und tanzte. Nach der Terrorattacke auf Amerika tanzten die Somalis wieder.

Reich gegen Arm, Nord gegen Süd, Christen gegen Muslime - seit dem 11. September werden die bekannten Feindbilder aufgefrischt, und manche Beobachter sehen einen regelrechten Religionskrieg voraus. Aber sind die Meldungen von wütenden Protesten und blutigen Unruhen wirklich repräsentativ für Glaubensfragen auf dem Erdteil? Künden sie von der Radikalisierung des "schwarzen" Islam? Stehen sie gar für den Kampf der Kulturen, den Geschichtspessimisten prophezeien?