Wer nicht Russisch spricht, ahnt nicht, wie viele russischsprachige Wochen- und Monatszeitungen es hierzulande gibt. Übersetzt, tragen sie Namen wie Der Kreis, Die neue Arena, Eurasiatischer Kurier, Volk auf dem Weg. Man will gar nicht aufhören, sie aufzulisten, so wohl klingen ihre Titel in deutschen und besonders russischen Ohren. Manche haben eine Auflage von ein paar hundert, andere von mehreren tausend Exemplaren. Mit 25 000 gehört die neueste Gründung zu den größten: Moskowskij Komsiez-Germanija, eine Wochenzeitung, die sich als neues Flaggschiff russisch-deutscher Zeitungen versteht. Ihr Mantel wird im Moskauer Mutterkonzern produziert und bedient sich der Skandal- und Lifestyle-Geschichten der großen Boulevardzeitung Moskowskij Komsomolez, kurz: MK. Den zweiten Teil schreiben eine Hand voll Redakteure in Berlin, die, wenn man sie kritisch befragt, zugeben, dass ihr Produkt seit der Ersterscheinung im September »noch Kapriolen schlägt« - womit sie einfach meinen: Das Blatt ist noch zu bunt und zu unstrukturiert. Da analysierte Egon Bahr in einem Interview auf einer Dreiviertelseite die Gefahren des internationalen Terrorismus, und gleich daneben wurde - mit Foto - vermeldet, dass ausländisches Dosenbier in Deutschland immer beliebter wird. Dass es dem Blatt nicht an Rückenwind mangelt, heben die Macher dennoch gern hervor. Mit Stolz vermerkt der Berliner MK-Redakteur Alexander Pawlow: »Präsident Wladimir Putin schickte uns zum Start ein Grußwort.« Nächstes Jahr wollen die deutschen und russischen Investoren genau prüfen, ob sich MK Deutschland lohnt. Das Ziel ist nicht nur eine schnelle, schwarze Null. MK soll schon bald einen satten Gewinn einspielen. »Was Bild kann, können wir auch«, heißt es aus Moskau.

Dabei hat die Wirklichkeit - vulgo: das Anzeigengeschäft - in jüngster Vergangenheit so manchen Verleger russischsprachiger Titel in Deutschland in die Knie gezwungen. Zum Beispiel Nelli Kossko, die fünf Jahre lang Herausgeberin und Chefredakteurin des Ost-Express war. Gerade mal zwei Prozent der inzwischen drei Millionen Russlanddeutschen und russischen Juden zwischen Rhein und Oder, schätzt Kossko, gehörten zu ihren Lesern. Doch im vergangenen Sommer stand die Verlegerin angesichts eines Schuldenbergs von mehreren hunderttausend Mark vor der Wahl: die Zeitschrift einzustampfen oder sie abzugeben. Sie verkaufte, und zwar an einen Russen, der sich freundlich und im rechten Moment angeblich mit einem Koffer Geld anbot.

Time Warner plant »juristische Schritte« wegen Plagiatentums

Probleme hatte auch eine andere Zeitschrift: das Europa Zentrum. Als Retter in der Not erschien auch hier wieder - ganz unerwartet - der Mann mit dem Koffer. Nikolaj Werner ist Mitte 30, groß, »stattlich«, »mit gleichmäßigen Gesichtszügen« und »ein Traum von einem Schwiegersohn«, wie ihn Geschäftspartner und auch selbst ernannte Widersacher beschreiben. Um ihn ranken sich Gerüchte, er habe mit undurchschaubaren Geschäften, vor allem mit dem Militär, eine Menge Geld eingenommen. Jedenfalls war Werner reich genug, um im Fall der defizitären russischen Zeitungen in Deutschland direkt zuschlagen zu können. Er kam, sah und kaufte. Und schuf eine neue Zeitung, die er kurzerhand Europa Express nannte.

Von seinem Erfolg ist der Neuverleger Werner überzeugt. Obwohl seine Zeitung »allerhöchste Preise« für Werbung verlange, »gibt es dank der Druckqualität und der hohen Auflage schon mehr Anzeigenaufträge, als wir annehmen können«, erzählt er. Konkrete Zahlen und Ziele seines Geschäfts will Werner aber nicht preisgeben. Zum Beispiel die verkaufte Auflage der gedruckten 80 000 Exemplare. Sein einziger Kommentar: »Wir werden Erfolg haben.« Dass es ihm nicht an Selbstbewusstsein mangelt, verrät auch die Aufmachung seiner Zeitung. Groß thront das Signet »Werner Media« auf der Titelseite. Dass es stark an das Logo des US-Mediengiganten Warner Brothers erinnert, ist sicher kein Zufall - und könnte teuer werden. Die Rechtsabteilung von Warner Brothers in London erwägt derzeit rechtliche Schritte: Das Logo sei ein Plagiat.

Wie es sich für einen der so genannten neuen Russen in Deutschland gehört, residiert Werner am Kurfürstendamm im Berliner Westen, gleich gegenüber der Gedächtniskirche. Mehrere Dutzend Zimmer hat er dort angemietet und die Büros mit neuen Computern und Designermöbeln ausgestattet. In seinem Vorzimmer präsentiert Werner in riesigen Glasschränken eine Sammlung alter, wertvoller Schreibmaschinen. Kärglich sei dagegen die Entlohnung, beschweren sich vor allem seine freien Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand. Doch Unfairness und Ausbeutung seien ihm fremd, sagt Werner selbst. Harte Bandagen offenbart er zumindest gegenüber der Konkurrenz. In der ersten Ausgabe des Europa Express drohte er den Konkurrenten: »Die Grundlage eures Geschäfts ist mit der Entstehung dieser Zeitung erschüttert.«

Über diese Offensive lächelt Boris Feldmann, Chefredakteur von Russkaja Germanija in Berlin mit einer Auflage von 85 000 Exemplaren. Werners Aggressivität wertet er als »Schwäche«. Offensichtlich habe der »neue Russe« gar nicht so viel Geld und versuche sich deshalb mit »einem Schnellschuss« zu etablieren. Von den Gerüchten, Russkaja Germanija solle ebenfalls verkauft werden, will Feldmann nichts wissen. Auf der Suche nach Zahlen hilft der Chefredakteur ein wenig: Er schätzt, dass alle russischsprachigen Publikationen in Deutschland durch Anzeigen jährlich 15 Millionen Mark einnehmen.

Der Großteil der Leser der Zeitungen sind Menschen über 40, viele von ihnen Aussiedler, die nach Deutschland kamen, ohne Deutsch lesen zu können. Russischsprachige Informationen und konkrete Hilfestellungen seien für sie sehr wichtig, sagt der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Jochen Welt (SPD). Er lobt den Service-Gedanken der russischsprachigen Zeitungen - der die Blätter tatsächlich dominiert. Viele Texte und Anzeigen beschäftigen sich mit Deutschsprachkursen, Krankenversicherungen, billigen Wohnungen, Aushilfsjobs und billigen Flügen, etwa nach Omsk. Auch deutsche Elektronikfachgeschäfte schalten Minianzeigen. Sie installieren Satellitenschüsseln zum Empfang des TV-Programms aus Moskau.

Doch unter den Service-Rubriken verstecken sich auch faule Eier. »Wir lösen all Ihre Probleme. Rufen Sie uns an!«, heißt es so oder so ähnlich in vielen kleinen Werbeanzeigen. Und in der Tat klingt das Angebot verlockend für Menschen, die vielleicht in den kasachischen Steppen aufwuchsen und nichts mehr suchen in Deutschland als praktische Lebenshilfe. Doch wer sich der Sorgen-Hotline hingibt, hat anschließend gewiss nicht weniger Sorgen, sondern muss zusätzlich mit einer riesigen Telefonrechung kämpfen. Was auf den ersten Blick hilfsbereit daherkommt, ist ein 0190-Service mit einem Minutenpreis von fast vier Mark. Für gleiches Geld gibt es auch ein »Anti-Terror-Telefon« und fernmündliches Kartenlegen.

Die Zielrichtung der russischsprachigen Zeitungen ist eine ganz andere als die der politischen und gesellschaftlichen Blätter, die im Berlin der zwanziger Jahre auf Russisch erschienen. Damals schrieben Autoren wie die Dichter Boris Pasternak und Sergej Jessenin oder die Schriftsteller Maxim Gorkij und Ilja Ehrenburg .

Das Niveau von damals hat nichts mit der Qualität der Publikationen von heute gemein: Immer wieder scheinen redaktionelle Beiträge zu sehr mit der heißen Nadel gestrickt. Frau Merkel werde »wegen ihres Geschlechts verfolgt«, missdeutet etwa MK die deutsche Politik. »Es gibt Autoren, die kennen nicht einmal den Unterschied zwischen SPD und PDS«, sagt Exverlegerin Nelli Kossko. Sie ist inzwischen übrigens bei Nikolaj Werner als leitende Redakteurin untergekommen.

Der Autor ist Leiter des russischen Programms der Deutschen Welle in Köln.