Eines stockfinsteren Morgens im schon reichlich blätterarmen Herbst ließ Ofelia S. den Lippenstift weg und ging ins Kloster. In der Bahnhofsbuchhandlung hatte sie kurz noch geschwankt. Mit welcher Lektüre sollte sie sich für den zweitägigen Melancholieworkshop in Frauenwörth am Chiemsee einstimmen? Neun Wege zum Glück, wies Cosmopolitan, während Madame zum Seelenkuschel in Embryohaltung riet. Doch musste man nicht in diesen Zeiten Tom Clancy lesen? Befehl von oben bot sich an: Boeing crasht ins Kapitol, killt den amerikanischen Präsidenten, Mullahs senden satanische Viren. Ofelia schauderte es.

Sublimer Trübsinn tanken ließe sich gewiss mit dem Titel Inszenierte Einsamkeit, entschied sie erregt. Erbebt es sich nicht mit Ludwig II.

seelisch verfeinert? Ein ewig Räthsel will ich bleiben mir und anderen, hatte der Märchenkönig, dem der schwarz eingeschlagene Bildband gilt, einst geschworen. Das passte. Erstens wähnte sich auch Ofelia schon immer etwas anders als die anderen, und zweitens würde sie Ludwig nebst diversen Lohengrin-Emblemen in den nächsten Nächten nahe kommen wie nie.

Die junge Frau, auf der Suche nach Identifikationsangeboten in einer Phase anhaltender metaphysischer Traurigkeit, war also auf dem Weg zum Chiemsee, wo sie Blickkontakt haben würde zur Herreninsel. Dort hatte der überreizte Regent - in Gestalt seines monströsen Sonnenkönigsschlosses - abweichlerischer Fantasie ein letztes triumphales Zeichen gesetzt. Dann starb er.

Die Begrüßung in der Abtei war rau und nicht herzlich. Auf Ofelias freundliche Fragen reagierte die Benediktinerin, die sie empfing, barsch.

Ich sage Ihnen gar nichts, drang es hart aus den wehenden Gewandfalten ihres düsteren Flors, Sie haben keine Erlaubnis der Äbtissin. Das war für Ofelia wie eine Ohrfeige. Sie taumelte leicht.

Nicht einmal, wo die Melancholietage stattfinden sollten, die ihren Klosterbesuch erforderlich machten, erfuhr sie. Die Anlage war riesig. Ihr wurde bang.