Das Verhältnis zwischen beiden ist verkrampft wie ein Muskel in der Nachspielzeit, seit Bierhoff nicht mehr Stammspieler, aber immer noch Kapitän ist. Ich hab ihm von Anfang an gesagt: Wenn du einen anderen Kapitän haben willst - kein Problem, erzählt Bierhoff. Aber er hat gesagt: Nein, du bist wichtig für uns. Ohnehin sei das Amt weit überschätzt, niemand wisse doch so genau, was ein Kapitän außer Wimpeltausch und Platzwahl zu tun habe. Taktik, Auf- und Einstellung - das ist Sache des Trainers. Der trägt die Verantwortung, da muss nicht auch noch ein Spieler reinquatschen. Zudem findet Bierhoff selbst es sinnvoller, wenn nicht ein Stürmer oder ein Torwart die Binde trägt, die haben auf dem Platz zu wenig Einfluss. Das habe man doch gerade in den Spielen mit Oliver Kahn, dem unantastbaren Torwart-Titan, als Kapitän gesehen: erst das Debakel gegen England, dann das Finnland-Desaster. Was also kann Kahn besser als Bierhoff? Einer, der in der Mitte des Platzes das Spiel bestimmt, wäre ideal, findet der Amtsinhaber - wohl wissend, dass gerade dort die größte Lücke im deutschen Team klafft.

Wenn der Streit um den Fetzen am Ärmel eine absolute Farce ist, wie Bierhoff sagt - warum tut der kühle Analytiker sich dann das Gezerre darum überhaupt an? Es soll nicht so aussehen, als würde ich die Brocken hinschmeißen. Für mich ist es eine Auszeichnung, die mir zugeteilt wurde, die ich nicht an mich gerissen habe - warum soll ich die abgeben? Dass nun auch noch Franz Beckenbauer ihm die streitig machen will, kann er nicht verstehen.

Als DFB-Vizepräsident hätte er besser geschwiegen. Die Ämterposse ist auch ein gruppenhydraulisches Spielchen: Bierhoff zwingt Völler zu einer Entscheidung, die der - aus Mangel an Alternativen und Autorität - nicht treffen kann, was wiederum die Unverzichtbarkeit des Stürmers beweist. Selbst auf der Bank und auf sich allein gestellt, ist Bierhoff die einzig feste Größe in der labilsten deutschen Mannschaft aller Zeiten.

Wäre es bei der Lage nicht klüger, jetzt zu verlieren, als sich bei der WM vor aller Welt zu blamieren? Nein, sagt Bierhoff, die Mannschaft ist konkurrenzfähig. Bammel vor den Entscheidungsspielen hat er nicht. Das Endspiel 96 war wichtiger für mich. Obwohl er seine Vorbildfunktion ernst nimmt, mag Bierhoff sich nicht allzu sehr mit Gedanken beschweren, dass in den nächsten Tagen um das Ansehen des deutschen Fußballs, vielleicht der ganzen Republik gespielt wird. In diesem Mannschaftssport ist sich jeder selbst der Nächste. Oliver Bierhoff spielt um einen würdigen Abschluss seiner ungewöhnlichen Karriere: Qualifiziert sich die Mannschaft nicht für die Weltmeisterschaft, wird er am 14. November 2001 sein letztes Länderspiel bestritten haben.

Der Umweg eines effizienten Stürmers

Dem sieht er, durch die Sonnenbrille ins mediterrane Blau blinzelnd, gelassen entgegen. Für ihn war maßgebend nie allein auffem Platz. Wenn alles in Monaco zu Ende gehen soll und die im Hinterkopf herumspukende Lernexkursion in den amerikanischen Profizirkus vielleicht nicht zustande kommt - bitte sehr, es gibt Schlimmeres. Zwar wird auch Bierhoff nicht so gut bezahlt, dass er sich eine der Yachten leisten könnte, die sich im Port de Fontvieille unmittelbar vor seiner Haustür sanft schmatzend aneinander reiben. Aber 140 Quadratmeter mit Blick aufs Meer und den Fürstenpalast sind auch nicht schlecht, vor allem, wenn der Verein die Miete von mehr als 20 000 Mark zahlt. Und wenn er in seiner letzten Saison keinen Titel mehr holt, hat er wenigstens was gelernt: Wer weiß, vielleicht kann ich in zehn Jahren von meinen französischen Sprachkenntnissen auch geschäftlich profitieren. Je suis Bierhoff - irgendwann zahlt sich für einen der effizientesten deutschen Stürmer jeder Umweg aus.

* Oliver Bierhoff weiß nicht nur, wie man sich vor dem Tor richtig verhält - beim Besuch des ZEIT-Reporters in Monaco betätigte er sich auch als Fremdenführer formvollendet: beim Milchkaffee im Hotel Columbus, das dem schottischen Formel-1-Rennfahrer David Coulthard gehört, beim Balljonglieren und Fußballphilosophieren im Stade Louis II. und schließlich beim Spaziergang zum Yachthafen. Mehr über das Treffen unter: www.zeit.de/2001/46/bierhoff